Bausektor zuerst betroffen
Abschwächung der Weltwirtschaft erfasst Deutschland

Die konjunkturelle Abschwächung der Weltwirtschaft erfasst immer mehr auch Deutschland. Die Rezession droht der Einschätzung einiger Volkswirte zufolge vom Bausektor auf die gesamte deutsche Volkswirtschaft überzugreifen. Ifo-Chef Hans-Werner Sinn zufolge ist die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den vergangenen Wochen gestiegen.

Reuters FRANKFURT. Nach Einschätzung von Analysten und Wirtschaftsverbänden hat sich auch die Lage auf dem Arbeitsmarkt verschlechtert. Angesichts der weltweiten Abschwächung erwarten Analysten, dass in dieser Woche sowohl die Europäische Zentralbank (EZB) als auch die US-Notenbank Fed die Leitzinsen senken werden. In der Euro-Zone spricht dafür auch ein weiteres Nachlassen der Inflation.

Die Rezession im deutschen Bausektor verstärkte sich im Oktober einer Reuters-Umfrage zufolge deutlich. Der Bau-Index Deutschland sei im Oktober auf saisonbereinigt 40,4 (September 41,8) Punkte gefallen, teilte die Forschungsgruppe NTC, die den Index für Reuters ermittelt, in London mit. Für die Umfrage erhebt NTC Daten bei 150 Bauunternehmen. Werte über 50 Punkte signalisieren ein Wachstum, Werte darunter einen Rückgang.

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn zufolge stehen die deutsche Bauwirtschaft und die deutsche Industrie besonders stark unter Druck. Die gesamte deutsche Wirtschaft ist nach seiner Einschätzung einer Rezession in den vergangenen Wochen näher gerückt. "Inzwischen ist die Gefahr eher noch größer geworden", schrieb Sinn in der Montagsausgabe des Handelsblattes. Die Bauwirtschaft werde erst 2003 das Ende ihres Schrumpfungsprozesses erleben.

NTC zufolge löste die Rezession im deutschen Bausektor erneut einen Stellenabbau aus. Insgesamt erwarten Volkswirte einen Anstieg der deutschen Arbeitslosenzahlen, die die Bundesanstalt für Arbeit am Dienstag für Oktober vorlegen will. Von Reuters befragte Analysten rechnen mit einem bereinigten Anstieg der Arbeitslosenzahl um 18 100 nach plus 20 000 im September. Die Quote werde auf 9,4 von 9,0 % klettern. Auch Ilka Houben von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) rechnet mit einem Anstieg der bereinigten Zahl. Sie sprach von einer strukturellen, hausgemachten Misere des Arbeitsmarktes. Die Anschläge vom 11. September hätten das Klima zwar zusätzlich negativ beeinflusst, die Grundtendenz der Wachstumsschwäche sei aber auch ohne sie vorhanden.

Der EZB-Rat berät am Donnerstag über die Geldpolitik in der Euro-Zone. Analysten rechnen im Schnitt mit einer Senkung der Leitzinsen um 25 Basispunkte auf dann 3,50 % im Schlüsselzins. Nach Einschätzung von EZB-Direktoriumsmitglied Eugenio Domingo Solans verbessert die derzeitige wirtschaftliche Abschwächung in der Euro-Zone den Inflationsausblick. Diese günstigeren Aussichten wirken seiner Einschätzung nach bereits auf die Geldpolitik der EZB.

Vorläufigen Eurostat-Daten vom Montag zufolge ging die Jahresteuerung im Währungsgebiet im Oktober im Jahresvergleich auf 2,4 nach 2,5 % im September zurück. Die Inflation nähert sich seit ihrem Acht-Jahreshöchststand von 3,4 % im Mai ständig der von der EZB gesetzten Marke von 2,0 % an, bei der nach EZB-Definition mittelfristig Preisstabilität gewährleistet ist.

Am Dienstag wird die Fed nach einhelliger Einschätzung von Analysten zum zehnten Mal in diesem Jahr die Leitzinsen senken, um Rezessionssorgen entgegenzutreten. Die meisten Experten rechnen wegen schwacher US-Konjunkturdaten mit einer deutlichen Rücknahme um 50 Basispunkte auf dann 2,00 % im Schlüsselzins, dem niedrigsten Niveau in den USA seit vierzig Jahren. Angesichts des Anstiegs der US-Arbeitslosenquote im Oktober auf den höchsten Stand seit fünf Jahren und anderer unerwartet schwacher Konjunkturdaten sprechen Analysten bereits von einer Rezession in den USA. Im dritten Quartal war das US-Bruttoinlandsprodukt (BIP) aufs Jahr hochgerechnet der ersten Schätzung zufolge um 0,4 % geschrumpft.

Ende Oktober hatten die sechs führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten prognostiziert, nach den Anschlägen am 11. September in den USA seien negative Folgen für die Weltwirtschaft zu erwarten. Die Bundesregierung nahm ihre Wachstumsprognose für 2001 auf rund drei viertel Prozent von zuvor rund zwei Prozent zurück. Im Jahr 2000 war das deutsche BIP noch um 3,0 % gewachsen.

Das Bundesfinanzministerium wird im Laufe dieser Woche Zahlen zu den Aufträgen der deutschen Industrie und zur Produktion im September veröffentlichen. Von Reuters befragte Volkswirte erwarten auch von diesen Zahlen, dass sie die konjunkturelle Abschwächung widerspiegeln.

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