Bayer: Bilanz unter Lipobay-Vorbehalt

Bayer
Bilanz unter Lipobay-Vorbehalt

Alles, was man derzeit über Bayer sagen kann, wird von einem großen Fragezeichen überschattet. Das gilt letztlich auch für das Zahlenwerk, das Konzernchef Werner Wenning gestern präsentierte.

Ein drastisches Urteil im ersten Lipobay-Prozess könnte den Abschluss zur Makulatur machen, noch bevor ihn die Aktionäre im Briefkasten finden. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Konzern am Ende nur mit milliardenschweren Vergleichszahlungen aus der Prozesslawine in den USA herauskaufen kann, wird in diesem Fall drastisch steigen.

Der Kapitalmarkt unterstellt eine solche Entwicklung schon längst. Und selbst der Bayer-Vorstand deutet inzwischen behutsam an, dass seine Haftpflicht-Policen in den USA wohl nicht ausreichen werden.

Die Bilanz des Chemie- und Pharmariesen ist insofern also nur unter Vorbehalt zu bewerten. Auskunft gibt sie aber zumindest darüber, wie gut das Unternehmen für einen Lipobay-Schock gerüstet ist. Die Antwort lautet: nicht allzu gut. Denn ähnlich wie viele andere Industriekonzerne haben sich auch die Leverkusener in den letzten Jahren eine Art Immunschwäche eingehandelt, die durch relativ hohe Verschuldung und schwache operative Erträge gekennzeichnet ist.

Bayer hat in den vergangenen sechs Jahren netto immerhin rund zehn Milliarden Euro in einen Konzernumbau investiert, der bislang noch keine Früchte getragen hat. Der Umsatz stagnierte in dieser Zeit nahezu, der operative Gewinn ging stark zurück. Sowohl im Chemie- als auch im Agrogeschäft steuerte der Konzern mit seiner Expansion in eine ausgeprägte Konjunkturflaute. Für etliche Zukäufe, darunter vor allem Aventis Crop Science, hat man aus heutiger Sicht viel zu viel Geld auf den Tisch gelegt.

Hinzu kommt die eklatante Schwäche im Pharmageschäft. Die einstige Ertragssäule von Bayer verdient derzeit praktisch kein Geld, was keineswegs alleine dem Lipobay-Debakel anzulasten ist. Auch die verbliebenen Bestseller Ciprobay, Adalat und Aspirin haben im vergangenen Jahr im Schnitt rund ein Fünftel an Umsatz verloren. Selbst wenn man Lipobay ausklammert, zeigt die Arzneimittelsparte von Bayer die schwächste Performance unter allen großen Pharmaherstellern. Neuentwicklungen wie das Potenzmittel Levitra dürften vorerst kaum in der Lage sein, die Einbußen zu kompensieren. Kein Wunder, dass man sich mit der Partnersuche so schwer tut.

Wenning hat dem Konzern letztlich die einzige Therapie verordnet, die in solchen Situationen Entlastung verspricht: harte Sparmaßnahmen und Konzentration auf die Liquidität. Und er kann durchaus Belege vorweisen, dass die Medizin anschlägt - vor allem mit den gestern präsentierten Cash- Flow-Daten. Nur wenige Unternehmen in Deutschland sind derzeit wie Bayer in der Lage, zwei Milliarden Euro frei verfügbare Mittel aus dem operativen Geschäft herauszuholen.

In ruhigeren Zeiten könnte sich Bayer mit diesem Erfolg durchaus auf dem Weg der Erholung sehen. Nur ist das Umfeld derzeit alles andere als stabil: Die Konjunktur bleibt schwach, die Geldgeber sind nervös und die Prozessrisiken in Amerika unüberschaubar. Die Milliarden, die Wenning derzeit aus den Bayer-Aktivitäten herauspresst, wird er in den nächsten Jahren dringend brauchen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%