Bayer droht Kurzarbeit
Krise in der Chemie spitzt sich zu

In großen Teilen der US-amerikanischen und europäischen Chemieindustrie hat sich die konjunkturelle Lage seit den Terroranschlägen in Amerika deutlich verschärft. Diesen Trend bestätigte gestern die Ludwigshafener BASF AG für die Entwicklung ihre Kunststoffsparte. Seit dem 11. September sei "ein ganz deutlicher Rückgang beim Auftragseingang" zu spüren, sagte das für Kunststoffe zuständige BASF-Vorstandsmitglied John Feldmann.

bef/shf/agr FRANKFURT. Doch bereits vor den Anschlägen haben die Kunststoffhersteller keine konjunkturelle Erholung verspürt. Das typische Sommerloch sei wesentlich ausgeprägter gewesen als früher, sagte Feldmann. ."Rückläufige Nachfrage in den meisten Märkten und eine gleichzeitige Margenkompression belasten unser Ergebnis außerordentlich stark." Allerdings schreibe man im Kunststoffgeschäft noch schwarze Zahlen. BASF ist mit einem Spartenumsatz von 11 Mrd. Euro einer der größten Kunststoffhersteller weltweit. Im ersten Halbjahr war der Betriebsgewinn der BASF in der Sparte bereits um zwei Drittel auf 163 Mill. Euro gesunken.

Gewinnwarnung bei Dow Chemical

Nachdem vor wenigen Tagen der zweitgrößte US-Chemiekonzern Dow Chemical für das dritte Quartal eine Gewinnwarnung abgegeben hat, rechnen Analysten damit, dass ähnliche Ankündigungen bei weiteren Chemiekonzernen bevorstehen. "Wir haben die Talsohle bei der Gewinnentwicklung noch nicht erreicht", glaubt Tony Cox, Chemieanalyst bei Dresdner Kleinwort Wasserstein. Führende Investmentbanken haben in den vergangenen Tagen ihre Gewinnschätzungen für dieses und nächstes Jahr um Werte zwischen 3 und 30 % gesenkt.

Cox geht davon aus, dass die schwierige Situation mindestens bis zum zweiten Quartal 2002 anhält und damit weitere Hersteller zur Revision ihrer Erwartungen zwingen wird. Das dürfte letztlich auch für BASF gelten, die bisher an ihrem Ziel, den vergleichbaren Betriebsgewinn in den Jahren 2000 bis 2002 um durchschnittlich 10 % pro Jahr zu steigern, formal noch festhält. Firmenchef Jürgen Strube hatte dies aber an die Voraussetzung eines nachhaltigen Wirtschaftsaufschwungs geknüpft.

Der rückt nach den jüngsten Ereignissen jedoch in immer weitere Ferne. Ein möglicher Aufschwung in der Chemiekonjunktur ist nach Ansicht von Analyst Ludger Mues von der Bank Sal. Oppenheim nicht vor dem zweiten Quartal des kommenden Jahres zu erwarten. "Die Anschläge in den USA werden volkswirtschaftliche Folgen haben, und das wird vor allem die Chemiefirmen schnell treffen, die ein starkes Standbein in den USA haben", sagte er. Dazu gehört etwa die Celanese AG, die bereits vor den Anschlägen wegen schwacher Kunststoff-Geschäfte ihre Ertragsprognosen drastisch nach unten revidierte.

Gewinnspannen bei Kunststoff auf bisher tiefstem Niveau

Branchenkenner sehen die Gewinnspannen bei Kunststoffen wie etwa Polyurethanen inzwischen auf dem bisher tiefsten Niveau. Solche Kunststoffe werden beispielsweise im Innenausbau von Autos oder bei der Herstellung von Möbeln verwendet.

Von dieser Entwicklung ist auch die im Polyurethangeschäft stark vertretene Bayer AG betroffen. Der Leverkusener Konzern hat in diesem Jahr durch den Rückzug des Cholsterin senkenden Medikaments Lipobay ohnehin einen deutlichen Ertragsrückgang zu verkraften. Vorstandschef Manfred Schneider kündigte auf einer Bayer-Betriebsversammlung an, dem Konzern drohe Kurzarbeit, falls sich die Konjunktur im vierten Quartal nicht erhole. Bayer will damit vor allem den Lageraufbau vermeiden, bestätigte ein Sprecher.

Als anhaltende Belastung für Kunststoffhersteller und Spezialchemiekonzern wie Rhodia, ICI oder Clariant sehen Analysten den derzeit stark schwankenden Preis für Rohöl, den wichtigsten Rohstoff der Branche. Die Schwankungen machen die Planungen vieler Anbieter unsicher.

Die Branche streicht angesichts der Entwicklung in diesem Jahr ihre Ausbaupläne zusammen. So bestätigte Bayer gestern, dass der bisherige Investitionsplan für 2001 revidiert wird und die Ausgaben von geplanten 3,1 Mrd. Euro vermutlich auf die Höhe des Vorjahresvolumens von 2,6 Mrd. Euro gesenkt werden. Zuvor hatte der Konzern im Arbeitsgebiet Polymere bereits die Schließung und Zusammenlegung von Anlagen angekündigt. BASF will Investitionen künftig sehr eng an die Marktentwicklung in den Regionen anpassen. Das Beteiligungsunternehmen Basell, in dem BASF und Shell ihr Geschäft mit den Standard-Kunststoffen gebündelt haben, gab vor wenigen Tagen die Schließung von drei Werken in Großbritannien und Spanien bekannt.

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