Bayer gibt Mehrheitsanspruch auf
Chancen für Pharmapartnerschaft gestiegen

Mit der Aufgabe des Mehrheitsanspruchs im angeschlagenen Pharmabereich sind nach Einschätzung von Branchenexperten für den Bayer-Konzern nun die Chancen für eine erfolgreiche Partnersuche gestiegen.

Reuters FRANKFURT. Der Strategiewechsel selbst kam nicht unerwartet, nachdem der Konzern mit seinem Mehrheitsanspruch nach monatelanger Suche gescheitert war. Dabei sehen Experten insbesondere mittelgroße Pharmafirmen als geeignete Kandidaten für eine Pharma-Zusammenarbeit. Eine Partnerschaft, in der Bayer die Mehrheit halte, sei nicht mehr realistisch, hatten die Leverkusener zuvor mitgeteilt. Der Konzern befinde sich bei der Suche nun in sehr guten und konstruktiven Gesprächen. Durch das lange Zögern hat sich Bayer nach Auffassung der Branchenexperten aber in keine gute Verhandlungsposition gebracht. Der Rückruf des Cholesterinsenkers Lipobay hatte 2001 die Krise im Pharmageschäft mit ausgelöst und hohe Verluste verursacht.

"Jetzt ist natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass Bayer einen Partner findet, massiv größer geworden", merkte Christian Wenk, Director Corporate Ratings bei Standard and Poor's (S&P) in London an. Es wäre es eine große Überraschung gewesen, wenn jemand von den 20 größten Konzernen mit Bayer zusammengegangen wäre und dabei eine Minderheit akzeptiert hätte. "Denn Bayer hat keine gute late-stage-pipeline, kein gutes Wachstum und dazu kommen auch Patentabläufe", begründete der für die weltweite Pharmabrache bei der Ratingagentur zuständige Experte. Und dazu kämen noch die anhängigen Lipobay-Klagen. Bei Pharmaunternehmen bezeichnet die "late-stage-pipeline" den Bestand an in der späten Entwicklung befindlichen Arzneimitteln, die kurz vor der Marktreife stehen. Trotz aller Probleme sei das Pharmageschäft von Bayer aber immer noch eine Menge Wert, so Wenk.

"Bayer hat zuletzt noch über ein Jahr lang nach einem passenden Partner gesucht, hatte dabei aber die Messlatte viel zu hoch gesetzt", kommentierte Oliver Schwarz, Analyst bei der BW-Bank. Kein Unternehmen sei bereit gewesen, eine Beteiligung einzugehen, bei der nur ein Minderheitsanteil möglich wäre. Gleichzeitig hätten sie aber die Probleme der Pharmasparte mit übernehmen müssen. Ein weiterer Branchenbeobachter merkte an, dass die Bayer-Mitteilung auch als Einladung zu Gesprächen aufzufassen sei. Potenzielle Partner könnten GlaxoSmithKline (GSK), die schweizerische Roche oder der US-Konzern Bristol-Myers Squibb sein.

"Wie hätte Bayer auch handeln sollen," sagte Alexander Groschke, Analyst bei der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP). "Die Bilanz gibt für Zukäufe nicht viel her und auch der Einsatz eigener Aktien käme nicht in Frage," begründete er. Zudem habe bei einer Partnerschaft auf Augenhöhe etwa Boehringer Ingelheim bereits abgewunken.

S&P-Experte Wenk schließt die Großen der Branche als Kandidaten für eine mögliche Partnerschaft eher aus. "Ich glaube nicht, dass jemand wie GSK, Pfizer, jemand von den zehn Größten der Branche für eine Partnerschaft in Frage kommt und etwa ein Joint Venture eingeht," sagte Wenk. Eher sei von einer Partnerschaft mit einer mittelgroßen Pharmafirma auszugehen, die etwa in der Rangfolge an 15. bis 25. Stelle stehe und deren Bestand an in der frühen Entwicklung befindlichen Medikamenten eher mager ist. In der Branche gilt Bayer als Unternehmen mit einer gut gefüllten so genannten "early-stage-pipeline".

Allerdings sehen es die Experten als Problem an, dass Bayer so lange mit der Strategieentscheidung gewartet hat. Viele mittelgroße Unternehmen wie beispielsweise Warner Lambert oder SmithKline Beecham waren in den vergangenen Jahren Fusionen eingangen. "Daher stehen auch nicht mehr so viele Unternehmen zur Auswahl, die für eine Partnerschaft in Frage kommen", merkte S&P-Experte Wenk an.

Nach Einschätzung von BW-Bank-Analyst Schwarz hätte Bayer bei den Aktionären zudem viel mehr Wert generieren können, wenn die Strategie-Entscheidung früher gefallen wäre. Das Bayer-Management habe die Augen vor der Konsolidierungswelle in der Branche bislang geschlossen. "Bayer ist dadurch in der Rangliste immer weiter nach unten gerutscht und nun in einer schwierigen Position." Ähnlich sieht das auch LRP-Analyst Groschke auch unter Hinweis auf die Lipobay-Klagen. "Durch das lange Zögern haben sie sich in einen ungünstige Lage gebracht." Der Aktienkurs von Bayer reagierte auf den Strategiewechsel am Dienstag mit einem deutlichen Kursplus.

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