Bayer-Star will gegen Island in jedem Fall für DFB spielen
Mut zum Meckern

Michael Ballack ist auf dem Weg zum Führungsspieler - er sagt inzwischen selbst Bayern-Chef Rummenigge die Meinung.

MÜNCHEN. Beinahe hätte es den Streit gar nicht gegeben. Feuchtkalte Ungemütlichkeit durchzog den Kabinentrakt des FC Bayern, die Haare hingen Michael Ballack nass in die Stirn, er hatte keine Lust mehr zu reden. Doch zu einer kurzen Einschätzung nach dem 4:1 im Fußball-Bundesligaspiel gegen Hertha BSC ließ er sich überreden. Wäre er stattdessen direkt in die Kabine marschiert, wäre ihm also nicht die kurz zuvor von Karl-Heinz Rummenigge, dem Vorstandschef der Bayern AG, vorgetragene Forderung auf einen Länderspiel-Verzicht ausgerichtet worden - dann wäre den Bayern ein unschöner Abend erspart geblieben. So aber hörte sich Ballack Rummenigges Empfehlung an und fauchte mit einem Blick, den er von einem sehr zornigen Uli Hoeneß entliehen haben könnte: "Der soll nicht so einen Scheiß erzählen. Das ist unglaublich."

Rummenigge, Ballacks viele Krankheiten und Verletzungen der letzten Zeit im Kopf, hatte gesagt, "für den Spieler wäre es besser, er würde sich einmal komplett auskurieren". Die Bayern seien "immer die Leidtragenden. Eigentlich müsste er mal eine Woche Ruhe haben, stattdessen wird er wieder den Messias für Deutschland spielen müssen". Die DFB-Elf spielt am Samstag in der EM-Qualifikation gegen Island. Ein wichtiges Spiel für die Nationalmannschaft, "aber nicht für den FC Bayern", meckerte Rummenigge.

Aussagen, die Ballack zornig werden ließen. Schwer zu glauben ist, dass dies derselbe Michael Ballack war wie jener, der vor gut einem Jahr im Ruf eines artigen Schulknaben stehend bei den Bayern begann und an dem sich seither in immer kürzeren Abständen die Diskussion um seine Führungsqualitäten entfachte. Er sei genial, nun gut, aber zu brav, kein Typ, der seine Mannschaft mitreißen kann - so der ausdauernd vorgetragene Vorwurf. Nicht erst Ballacks rau formulierte Adresse an den eigenen Vorstandschef aber lässt an dieser Einschätzung zweifeln. Ballack leistet sich seit einiger Zeit eine eigene Meinung, er trägt sie öffentlich vor.

Das ist bemerkenswert in einer Firma, in der Meinungsfreiheit zu den weniger penibel geschützten Grundrechten zählt: Bei taktischen Dingen etwa werden zweite Ansichten neben der von Trainer Ottmar Hitzfeld verlässlich mit Geldstrafen belegt. Darauf verzichtet die Vereinsspitze in Ballacks Fall, wie es gestern hieß. Rummenigge habe mit Ballack telefoniert und die Sache ausgeräumt. Auf dem Oktoberfest stehe die Versöhnungsmaß bereit. Diese vergleichsweise nachsichtige Haltung wird ansonsten nur Oliver Kahn zuteil. Kollegen, die in der Hierarchie tiefer stehen, müssen zahlen nach Aussagen, die eine abweichende Meinung andeuten und nicht durch den üblichen Weichspül-Jargon zensiert sind. Ballack, von Hitzfeld bereits als künftiger Kapitän vorgesehen, scheint in der Rangordnung zu Kahn aufgeschlossen zu haben.

Der Spielmacher, der beim 4:1 über Hertha mit einem Tor und einer Vorlage trotz seiner Kapselverletzung im Sprunggelenk erneut maßgeblichen Anteil am Sieg hatte, lässt sich nicht als Spielball wehrlos hin und her stupsen. Das machte Ballack zuletzt vor gut zwei Wochen deutlich, als ihm Gelegenheits-Guru Günter Netzer in der "Sport-Bild" mangelnde Führungsqualität beglaubigt und dies mit Ballacks Herkunft aus der DDR erklärt hatte. Ballack entgegnete souverän: "Eigentlich ist er intelligent genug, so etwas nicht zu sagen. Er hat noch nie mit mir geredet und weiß nicht, wie ich mich täglich verhalte." Vereinsintern hatte Ballack ebenfalls schon zuvor strittige Wortmeldungen kundgetan. Im Frühjahr forderte er eine Umstellung des Offensivspiels, und als Giovane Elber ziemlich barsch aus dem Verein komplimentiert wurde, formulierte Ballack den Protest der Mannschaft und hielt ein flammendes Plädoyer für den Mitspieler.

Am Dienstag nun geht es für Ballack nach Reinbek zum DFB-Treffpunkt. Die Nationalmannschaft, das war die Kernbotschaft in Ballacks Widerrede gegen Rummenigge, steht auf seiner Prioritätenliste sehr weit oben. "Wenn man spielen kann, dann spielt man auch", sagte Ballack, erst recht bei so einem wichtigen Spiel: "Solche Aussagen kann ich manchmal nicht nachvollziehen." Das ist auch gar nicht so leicht. Rummenigge ist bei der DFB-Delegation Vertreter der "Arbeitsgruppe Nationalmannschaft".

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