Bayer und Co dürften von Konjunkturerholung profitieren
Chemie gewinnt für Anleger an Charme

Die Entwicklung der Chemie-Aktien seit Mitte März hat gezeigt, wie schnell die Kurse steigen können. Wer da zu lange zögert, verpasst womöglich das Beste.

DÜSSELDORF. Am 12. März kam die Wende für die Aktien europäischer Chemie-Unternehmen. Als klar wurde, dass der Irak-Krieg unmittelbar bevorstand, hatten die Investoren wieder ausreichend Klarheit für ihre Anlageszenarien: Nach einem schnellen Ende des Krieges werde die Konjunktur wieder anziehen, und die Chemiewerte, die als Frühzykliker gelten, dürften davon als Erste profitieren. Ein sinkender Ölpreis und gute Quartalszahlen einiger Unternehmen bestärkten die Investoren in ihren Erwartungen: Der Euro-Stoxx-Subindex Chemie legte um mehr als 30 Prozent zu.

Inzwischen hat der Optimismus wieder etwas nachgelassen. Denn Anzeichen für eine Konjunkturerholung blieben bisher aus. Und auch der Verband der Chemischen Industrie Deutschlands (VCI) warnt, dass eine Erholung der Branche erst im zweiten Halbjahr zu erwarten sei. Die Gründe für einen Einstieg in Chemie-Aktien gelten aber weiter: "Auch wenn die Weltwirtschaft erst Anfang 2004 anzieht, werden Chemiewerte frühzeitig davon profitieren", sagt Alexander Kachler, Analyst bei Merck Finck & Co.

Die Entwicklung seit Mitte März hat gezeigt, wie schnell die Kurse steigen können. Wer da zu lange zögert, verpasst womöglich das Beste. Die Aktie der Leverkusener Bayer AG beispielsweise legte seit Mitte März um mehr als 60 Prozent zu. Neben der Hoffnung auf eine Konjunkturwende halfen positive Gerichtsentscheidungen in den Prozessen um mögliche gefährliche Nebenwirkungen des Cholesterinsenkers Lipobay dem Bayer-Kurs auf die Sprünge.

Silke Stegemann von der Landesbank Rheinland-Pfalz sieht trotz der jüngsten Kursgewinne noch Potenzial für die Bayer-Aktie. Das Unternehmen habe im ersten Quartal mit einem deutlichen Ergebnisanstieg überrascht und komme mit seinem Kostensenkungsprogramm gut voran. "Bayer ist auf dem richtigen Weg", sagt Stegemann und empfiehlt die Aktie als "Outperformer". Allerdings bergen die Lipobay-Klagen sowie die Unsicherheit über die Zukunft der Pharmasparte der Leverkusener noch einige Risiken.

Ungetrübter Ausblick für BASF

Nahezu ungetrübt ist hingegen der Ausblick für BASF, das nach Umsatz größte Chemieunternehmen der Welt. Im ersten Quartal stieg der Umsatz um 7,2 Prozent, das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) gar um 15 Prozent. "Die Zahlen waren sehr gut", lobt Kachler und empfiehlt die Aktie zum Kauf. Positiv bewertet er, dass BASF sein Geschäft klar strukturiert habe. Auch die gesunde Bilanz und die Nähe zu Zulieferern und Kunden sprächen für das Unternehmen. "Außerdem hat BASF die Risiken gut im Griff: Gegen hohe Ölpreise ist es teilweise durch das Öl- und Gasgeschäft abgesichert, und auch der Einfluss von Währungsschwankungen wird durch Produktion und Verkauf vor Ort relativiert", sagt Kachler.

Für andere Werte sieht Kachler den schwachen Dollar hingegen als Wachstumshindernis, vor allem für diejenigen mit einem hohen Nordamerika-Anteil am Geschäft.

Dazu zählt die Frankfurter Celanese AG, die rund die Hälfte ihrer Umsätze in den USA erzielt. Zwar haben sich deren Aktien dank guter Zahlen und Fortschritte auf der Kostenseite seit Mitte März um 50 Prozent verteuert, inzwischen überwiegen für Analystin Stegemann aber die Risiken: "Nach der Kursrally sehen wir nur noch begrenztes Potenzial", argumentiert sie.

Clariant enttäuschte den Markt

Für aussichtsreicher hält Stegemann die niederländische DSM. Deren Aktie ist mit einem für 2004 erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von sieben sehr günstig bewertet. Die Niederländer haben sich in den vergangenen Jahren zum führenden Spezialchemieunternehmen gewandelt und beliefern schwerpunktmäßig die konjukturunabhängige Pharma-Industrie. Auch die Ergebnisentwicklung spricht für den Wert. Im ersten Quartal stieg der Überschuss um sieben Prozent.

Weniger erfreulich sahen die Zahlen von Clariant aus. Die Schweizer enttäuschten den Markt mit einem erneuten Umsatz- und Ergebnisrückgang. Analysten raten daher, von der Aktie die Finger zu lassen. Auch bei Akzo Nobel überwiegen zurzeit eher die Risiken. Die Niederländer kämpfen mit Problemen in ihrer Pharmasparte. Zudem bestehen Lücken in den Pensionsverpflichtungen des Unternehmens.

Bleibt noch das ehemalige Dax-Unternehmen Degussa. "Als Unternehmen ist Degussa einwandfrei", sagt Kachler. Nachdem Degussa aber zu gleichen Teilen in den Händen von Eon und RAG liege, betrage der Streubesitz der Aktie nur noch sieben Prozent. Das macht den Wert für viele Investoren uninteressant.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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