Bayern München schlägt die selbstbewussten Wolfsburger mit 1:0
Der reife Regisseur

Es war, als hätte eine unsichtbare Kraft die Uhr zurückgedreht. Wie zu erfolgreichsten Münchner Champions-League-Zeiten konnte man nach der Lektüre der lokalen Gazetten in der vergangenen Woche leicht den Eindruck gewinnen, es gäbe auf der Welt wenig Wichtigeres als die Befindlichkeit von Stefan Effenberg.

MÜNCHEN. Selbst seiner semiprominenten Lebensgefährtin wurde auf der Suche nach Neuigkeiten eine beträchtliche Zahl an Zeilen gewidmet, doch der Nachrichtenwert der Details - etwa, dass Claudia Strunz eine Karriere "in Richtung TV-Moderation" anstrebe - tendierte steil gegen null.

Mit Fußball hatte das meist sehr wenig zu tun, was schade ist, denn am Rande der Berichterstattung über Effenbergs Rückkehr nach München wurde ein interessantes Bundesliga-Spiel ausgetragen. Eines, das sehr viel aussagte über die beiden Vereine Bayern München und VfL Wolfsburg. Man kann sogar sagen: Selten zuvor ließ sich die Situation zweier Klubs so sehr an einem Spieler fest machen - an Stefan Effenberg.

Was der reife Regisseur für seinen neuen Arbeitgeber bedeutet, ließ sich am Kommentar seines Trainers Wolfgang Wolf ablesen. "Wir waren in der zweiten Halbzeit klar die bessere Mannschaft, wir hatten die klar besseren Chancen und haben das Spiel beherrscht." Wenngleich die Einschätzung ein wenig zu selbstgerecht ausfiel, so ließ ihr Ton doch das neue Selbstverständnis erkennen, mit dem der VfL seit der Verpflichtung Effenbergs durch das Liga-Land reist. Selbstbewusst, im Vergleich zu den Vorjahren gar dreist, waren die Niedersachsen aufgetreten, hatten den Gegner weitgehend im Griff, erspielten sich Tormöglichkeiten, die erste große nach gerade 70 Sekunden, nur ein Tor wollte nicht fallen. "Das ist das Manko", sagte Effenberg und schob eine schlichte wie treffende Folgerung nach. "Bayern hat gewonnen, deshalb haben wir nicht so viele Argumente."

Interessant war die Darbietung Effenbergs aber auch in Bezug auf die Bayern. Als Co-Kommentator der Champions League hatte er seinen ehemaligen Mitspielern zuletzt bereits allerhand Tipps gegeben, wie sie den Erfolg zurücklotsen können nach München. Und zu Beginn des Spiels wirkte es, als wolle er nun eine Praxisschulung folgen lassen. Nachdem ihn der Stadionsprecher, die Bayern-Fans und seine Ex-Kollegen vor dem Anpfiff brav und freundlich begrüßt hatten, machte Effenberg deutlich, woran es den Münchnern in der noch jungen und doch schon so schmachvollen Saison bislang am schmerzlichsten fehlte: Aggressivität, Biss, Wille. Kurz: an einem Effenberg in Hochform. Angriffslustig suchte er jeden Zweikampf und gewann die meisten. Nur zu gut zeigte das eine Szene in der 15. Minute, als Effenberg einen Sprint über 25 Meter ansetzte, um einem davon eilenden Gegenspieler schulbuchgemäß den Ball abzugrätschen. Anfangs schien tatsächlich alles auf einen Nachmittag ganz im Sinne von Effenberg & Entourage hinauszulaufen, auch Frau Strunz schien sich damit arrangiert zu haben, aus der mit Teppich ausgelegten Loge in den Bereich der B-Vips ausquartiert worden zu sein.

Doch das Drehbuch des Spiels enthielt eine unerwartete Wendung. Nicht Effenbergs offizieller Nachfolger Michael Ballack, sondern ausgerechnet Zé Roberto, bislang eher als Schönspieler kritisiert, avancierte zum Spieler des Tages. Mehrfach degradierte er seine Gegenspieler zu Statisten, schlug präzise Flanken, führte den Ball elegant mit der Sohle und wirbelte über den ganzen Platz - so, wie man es bisher nur aus seinen Spielen für Leverkusen kannte. Auf diese Weise entstand auch das einzige Tor des Nachmittags nach einer feinen Vorarbeit des Brasilianers; Roque Santa Cruz wuchtete seine Flanke ins Wolfsburger Tor (27.). Später bediente der Edeltechniker Elber und Ballack derart glänzend, dass es beinahe unhöflich war, die Großchancen auszulassen. "Zé hat stark gespielt", hatte Trainer Ottmar Hitzfeld ein Sonderlob für ihn parat - die Wahrheit war: Zé Roberto machte den entscheidenden Unterschied aus an diesem Samstag.

Gänzlich zufrieden war Hitzfeld derweil nicht: "Wir haben in der zweiten Halbzeit zu viel verteidigt, da hätten wir mehr machen müssen." Wieder einmal fehlte dazu die treibende Kraft, der Ideengeber. Michael Ballack bleib mit Ausnahme zweier Torchancen blass. Fast wirkte es ein wenig eifersüchtig, als Hitzfeld nach dem Spiel zu seinem Kollegen Wolfgang Wolf herüberschaute und seinem ehemaligen leitenden Angestellten Effenberg "eine kämpferisch tolle Leistung" bescheinigte. Wenngleich dem Rückkehrer offensiv nicht allzu viel glückte, zeigte sich erneut: "Effe ist ein absoluten Leader". Auch Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber lobte Effenberg nach dem Spiel über den grünen Klee. Der Neu-Wolfsburger überlegte daraufhin öffentlich, ob er nicht in Zukunft den CSU-Mann wählen sollte.

Alt-Bayerntrainer Hitzfeld wird erleichtert zur Kenntnis genommen haben, dass Oliver Kahn nach den unruhigen letzten Wochen so etwas wie eine sportliche Wiederauferstehung feierte. Zweimal standen VfL-Angreifer alleine vor ihm - Petrov (52.) und Ponte (60.) - zweimal erinnerte Kahn mit blendenden Reflexen daran, wieso sie ihn einst Titan tauften.

Doch dies blieb einer der vernachlässigten Aspekte an jenem Nachmittag, an dem die Vergangenheit zu Besuch war im Olympiastadion und sich noch einmal alles um den großen Blonden drehte. "Ich habe heute Abend frei", antwortete Effenberg nach dem Spiel auf die Frage nach seinen Plänen für die Nacht, und zur Vermeidung von Missverständnis fügte er an: "Morgen auch." Anderthalb freie Tage - man wird wohl sagen dürfen, dass er sie sich verdient hat.

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