Becker: „Eine Ära hat begonnen“
Federer wie einst „Pete Perfect“

Im Kopf von Roger Federer ging es auch am Morgen danach noch drunter und drüber. Es war alles so schnell gegangen - fast mechanisch. Mit dem goldenen Pokal im Arm hatte der 21 Jahre alte Wimbledonsieger auf dem Center Court gestanden und unter Tränen gestammelt: "Ein Wahnsinn." 13 800 Zuschauer hörten dem jungen Mann, der auf dem "Heiligen Rasen" gerade Tennis-Geschichte geschrieben hatte, gebannt zu. "Er hat die Zukunft in seinen Händen", titelte die "Daily Mail" am Montag treffend.

HB/dpa LONDON. Die Schweizer Presse schwelgte in Lobeshymnen über das neue Tennis-Idol. "Ein Genie verändert die Tenniswelt", schrieb die "Basler Zeitung". Die "Tribune de Genève" jubilierte: "Ein Champion des Außergewöhnlichen ist geboren." Und der "Tages-Anzeiger" versäumte nicht, Federers menschliche Qualitäten zu beleuchten: "Das bescheidene Auftreten des Schweizers und seine Tränen nach dem Final zeigten aber auch, dass er sich als Mensch nicht verändert hat."

Der erste Schweizer auf dem Thron von Wimbledon fragte sich derweil: "Was ist da eigentlich passiert?" Eine Antwort fiel nach dem grandiosen 7:6 (7:5), 6:2, 7:6 (7:3)-Erfolg gegen den Australier Mark Philippoussis auch seinen für das erste Grand-Slam-Finale eines Landsmannes eingeflogenen Freunden aus Basel nicht ein. "Ich bin froh, dass ihr gekommen seid", hörte man Federer sagen. Doch schon ertranken die letzten Silben im Meer der Emotionen und Tränen. "Ein Traum ist wahr geworden", meinte er.

"Das sind die Momente, in denen sich das ganze Leben ändert", sagte Boris Becker in der Stunde des Siegers. "Er muss es ja wissen", erwiderte der strahlende Federer, nachdem er sich von Wolke sieben herabbegeben hatte, die zahllosen Interview-Wünsche zu erfüllen. "Eine neue Ära hat heute begonnen", erklärte der dreimalige Wimbledonsieger und der Anführer der "Jungen Wilden" bedankte sich artig: "Es ist eine Ehre, wenn ein Boris Becker so was sagt."

Sein Vorbild freilich ist Pete Sampras. Sieben Mal hat der Rekord- Grand-Slam-Sieger an der Church Road gewonnen. Wann immer sich Federer früher wie ein Wimbledonsieger gefühlt und nach eingebildeten Triumphen auf den Boden geworfen hatte, war er dieser "Pete Perfect". "Vergleichen würde ich mich mit ihm aber niemals." Dabei ähnelt die neue Nummer eins der Jahres-Weltrangliste frappierend seinem Idol.

Im geliehenen Anzug durfte Federer den Walzer der Champions mit US-Lady Serena Williams tanzen. Was Stunden vorher geschehen war, wusste er da noch immer nicht so genau. "Das wird noch einige Tage dauern", glaubte er. Am Montag düste er ins heimische Gstaad, wo die raue Wirklichkeit begann für den Wimbledonsieger, den jeder nun schlagen will. Auch vor fünf Jahren kam er als Champion ins Berner Oberland - mit einer Wildcard für den Wimbledonsieger der Junioren.

"Der Trubel wird ihn nicht umhauen", meinte seine südafrikanische Mutter Lynette. Dafür sorgt schon Trainer Peter Lundgren. Und die Konkurrenz, allen voran Mark Philippoussis, der die Revanche für Wimbledon will. Spätestens im Daviscup-Halbfinale in Melbourne. Gespielt wird im September auf der Hartplatz-Anlage der Australian Open, wo Federer Anfang des Jahres im Achtelfinale in fünf Sätzen ausschied - weil es im Kopf drunter und drüber ging.

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