Beer und Bütikofer an die Spitze der Grünen gewählt
Comeback zweier Enttäuschter

Bis zum Sonntag galten die beiden neuen Grünen-Parteichefs Angelika Beer und Reinhard Bütikofer als politische Absteiger mit eher düsteren Zukunftsaussichten. Gegenspieler in der eigenen Partei hatten sie zuletzt ins Abseits gedrängt - was ihre neue Aufgabe, die Grünen durch die Krise zu steuern, nicht einfacher machen dürfte.

ms DÜSSELDORF. Noch vor zwei Monaten war Reinhard Bütikofer fest entschlossen, den Bettel hinzuwerfen. Er sehe "zu wenig Möglichkeiten, meine Vorstellungen für dieses Amt zu verwirklichen", schrieb der Bundesgeschäftsführer der Grünen Anfang Oktober an die Kreis- und Landesverbände seiner Partei. Für eine weitere Kandidatur im Dezember stehe er daher nicht mehr zur Verfügung. Nach vier Jahren ruhmlosem Gerackere im Schatten der Parteichefs Fritz Kuhn und Claudia Roth hatte der gebürtige Mannheimer, der am 26. Januar seinen 50. Geburtstag feiert, genug.

Jetzt kann er endlich zeigen, was er wirklich kann: Von Fritz Kuhn, mit dem Bütikofer zuletzt immer öfter aneinander geraten war, übernimmt er den männlichen Part in der zweigeschlechtlichen Parteiführung der Grünen. Wie Kuhn hat auch Bütikofer seine grünen Wurzeln im realo-dominierten Baden- Württemberg. In den siebziger Jahren hatte der Heidelberger Studienabbrecher (Studienfächer Philosophie, Geschichte und Sinologie) noch einer maoistischen Hochschulgruppe angehört, bis er 1982 begann, sich bei den Grünen zu engagieren. 1988 zog er in den Stuttgarter Landtag ein und erwarb sich dort als haushaltspolitisch disziplinierter Finanzexperte über die Fraktionsgrenzen hinweg Respekt.

Mit dem grünen Credo, Amt und Mandat getrennt zu halten, hat Bütikofer Erfahrung: Seit er 1997 in den baden-württembergischen Landesvorsitz gewählt wurde, hatte er kein Abgeordnetenmandat mehr inne. 1998 versuchte er, für das EU-Parlament zu kandidieren, scheiterte aber an der mangelnden Unterstützung durch seinen eigenen Landesverband: Seinen Listenplatz bekam ein Biobauer aus Schwäbisch-Hall.

Fragt man ihn nach seinem Beruf, antwortet er schlicht: "Politiker" - das habe er gelernt. Als Taktierer und Strippenzieher eilt Bütikofer ein beträchtlicher Ruf voraus. Das neue Grundsatzprogramm der Grünen, das im März an die Stelle des alten Programm von 1980 ("ökologisch, sozial, basisdemokratisch, gewaltfrei") trat, trägt in vielen Punkten Bütikofers Handschrift. Und anders als sein messerscharf argumentierender Vorgänger Kuhn versteht es der beleibte Süddeutsche, das Gemüt der grünen Basis zu wärmen.

Eine Bedingung für das Amt des Parteichefs erfüllt Angelika Beer jedenfalls problemlos: Sie hat kein Bundestagsmandat. Das hat sie ihrer Partei zu verdanken. Genauer gesagt, dem Landesverband Schleswig- Holstein, der der verteidigungspolitischen Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion vor der letzten Wahl einen sicheren Listenplatz verwehrte. Auch ihr war ein Uralt-Überbleibsel aus der basisdemokratischen Vergangenheit der Grünen zum Verhängnis geworden: das Prinzip der Rotation. Nach zwei Legislaturperioden als Abgeordnete musste sie für eine erneute Nominierung auf dem Landesparteitag eine Zweidrittelmehrheit zusammen bekommen. Dazu fehlten ihr zwei Stimmen. An ihrer Stelle kandidierte am Ende eine 26-jährige Nachrückerin namens Grietje Bettin.

Nach dem 22. September drohte der 45-jährigen gelernten Rechtsanwaltsgehilfin mit einem Mal die Arbeitslosigkeit. Dieses Schicksal bleibt ihr jetzt erspart: An Arbeit wird es der neuen Parteichefin bestimmt nicht fehlen. Zumal sie in den eigenen Reihen keineswegs unumstritten ist - im Gegenteil.

Angelika Beers politische Herkunft manifestiert sich heute vor allem in einem dünnen, mit farbigen Bändern umflochtenen Zöpfchen, wie es in den Achtzigern in der Friedensbewegung populär war. Inhaltlich hat das einstige K- Gruppen-Mitglied die Zeiten des Radikalpazifismus weit hinter sich gelassen. Als Verteidigungs-Expertin hatte sie die Bundeswehreinsätze im Kosovo und in Afghanistan maßgeblich unterstützt. Das taten andere Grüne auch - doch ihr als einstiger linker Ikone wurde diese Wandlung übler genommen als Joschka Fischer und seinen Realos.

Fernsehbilder, die sie im armeefarbenen Parka in vertrautem Gespräch mit Uniformierten in Bosnien zeigten, schnitten manchem Parteifreund zu Hause in die grüne Seele. Nach Morddrohungen und versuchten Attentaten musste sie Polizeischutz beantragen. Weitere Sympathien kostete sie eine Liaison mit einem verheirateten Bundeswehr-Offizier, die von "Bild" und "Bunte" mit detailreicher Berichterstattung begleitet wurde. Ihr eigener Landesverband Schleswig-Holstein, eine Hochburg der Parteilinken, sprach der "Oliv-Grünen" erst vor wenigen Wochen unumwunden die Eignung zur Parteichefin ab.

Quelle: Handelsblatt

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