Beginn im Norden
Erster bundesweiter Bau-Streik ab Montag

Im Tarifkonflikt des Baugewerbes kommt es von Montagmorgen an zum ersten bundesweiten Streik der deutschen Nachkriegsgeschichte.

dpa FRANKFURT/MAIN/BERLIN. Der Arbeitskampf beginnt nach Auskunft der Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) zunächst in "wichtigen Metropolen im Norden" und soll dann auf andere Regionen in Deutschland ausgeweitet werden.

IG-BAU-Chef Klaus Wiesehügel wollte am Samstag in Frankfurt keine Angaben zu den geplanten Orten der Arbeitsniederlegung machen, "denn das würde die Unsicherheit der Arbeitgeber entschärfen". Er sagte, er rechne fest mit einem längeren Streik. Seit 1995 seien rund eine halbe Million Arbeitsplätze in der Baubranche verloren gegangen. Die Mitglieder der IG BAU hatten bei der Urabstimmung mit einer überwältigenden Mehrheit von 98,6 % für einen Arbeitskampf votiert. Erforderlich waren 75 % der abgegebenen Stimmen.

Die Bau-Arbeitgeber bezeichneten den Streik angesichts der "katastrophalen Lage am Bau" als unverantwortlich. Sie forderten die Gewerkschaft auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Trotz des beschlossenen Streiks kündigte auch Wiesehügel "Sondierungsgespräche" mit den Arbeitgebern an, um die Möglichkeit neuer Verhandlungen zu klären.

"Schlepptau radikaler Gewerkschaften"

Vizepräsident Werner Kahl vom Zentralverband des Deutschen Baugewerbes hielt der IG BAU vor, keinen ausreichenden Willen zur Einigung gehabt zu haben. "Leider hat die IG BAU aber die traditionell gute Sozialpartnerschaft in unserem Wirtschaftszweig beschädigt und sich damit in das Schlepptau radikaler Gewerkschaften begeben", erklärte er am Sonntag in Berlin.

Der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft Mario Ohoven sagte voraus, dass der Streik in der Bauindustrie "tausenden Bauarbeitern den Gang zum Arbeitsamt einbringt". In einem Interview der in Dresden erscheinenden "Sächsischen Zeitung" meinte Ohoven, "der Sündenfall aus gesamtwirtschaftlicher Sicht sei die Einigung in der Metallindustrie gewesen. "Daran kommt jetzt keine Branche mehr vorbei."

In dem seit Februar dauernden harten Tarifkonflikt waren die Schlichtungsversuche gescheitert. Die Gewerkschaft fordert für die 850 000 Beschäftigten Einkommenserhöhungen von 4,5 %. Das Angebot der Arbeitgeber liegt bei 3,0 %. Streit gibt es insbesondere über die Anhebung der Mindestlöhne in den neuen Ländern. Dabei bestanden erhebliche Differenzen im Arbeitgeberlager.

Vergleich mit DDR-Arbeiteraufstand

Die Bauindustrie kritisierte den Vergleich der IG BAU zwischen dem geplanten Streik ab Montag (17. Juni) und dem DDR-Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953. "Solche Parallelen beleidigen jeden Bauarbeiter, der vor fast 50 Jahren unter Einsatz seines Lebens für die Freiheit auf die Straße gegangen ist", teilte der Hauptgeschäftsführer des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie, Michael Knipper, mit.

Wiesehügel hatte am 10. Juni alle Berliner Bauarbeiter dazu aufgefordert, sich an dem geplanten Streik zu beteiligen. Dabei erinnerte er sie daran, das ihre früheren Kollegen am 17. Juni 1953 in der DDR-Hauptstadt wegen der von der SED beschlossenen Erhöhung der Arbeitsnormen gestreikt hatten. Heute seien es die Arbeitgeber, "die mit ihrem Lohndiktat und Dumpinglöhnen Ost gegen West ausspielen und uns wieder spalten wollen".

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