Begriffswirrwarr und Bilanzpolitik schränken Aussagekraft ein
Experten kritisieren deutsche Bilanzierungspraxis

Zwar bilanzieren inzwischen immer mehr Unternehmen nach internationalen Standards. Bilanzpolitische Tricks und ein babylonisches Sprachgewirr schränken die Aussagekraft und den Vergleich der Jahresabschlüsse ein. Bilanzexperten fordern deshalb eine einheitlichere und verständlichere Berichterstattung.

DÜSSELDORF. Die Bilanzierungspraxis deutscher Unternehmen gerät immer stärker in das Kreuzfeuer der Kritik. Viele Abschlüsse sind durch Begriffswirrwarr und eine stark bilanzpolitisch geprägte Gewinnermittlung kaum vergleichbar, bemängeln Fachleute. So erklärte der rennomierte Bilanzexperte Karlheinz Küting gegenüber dem Handelsblatt: "Unternehmen suchen nach Gutdünken ihre Kennzahlen aus. Jeder definiert sie so, wie er es für richtig hält". Christian Strenger, Mitglied der Börsensachverständigenkommission, macht dies am Beispiel Neuer Markt fest: Das überarbeitete Regelwerk in diesem Segment hat sich nach seiner Auffassung als Papiertiger entpuppt. "Das Bestreben der Unternehmen, die Braut so schön wie möglich zu machen, ist zwar zu verstehen, und professionelle Analysten können ja bilanzpolitisch aufgepeppte Berichte auch korrigieren. Benachteiligt wird aber immer der bilanzanalytisch weniger versierte Privatanleger." Bilanzfachmann Karlheinz Küting fordert deshalb ein einheitlicheres Auftreten der Unternehmen in ihrer externen Kommunikation. "Für den normalen Bilanzleser ist es wichtig, dass die Kennzahlen vergleichbar sind."

Dass dies aber momentan noch Zukunftsmusik ist, zeigt der Blick in aktuelle Geschäftsberichte. Hier herrscht der Eindruck vor, dass sich die Konzerne aus dem Werkzeugkasten der Bilanzpolitik das nehmen, was ihnen am besten passt. Wer zum Beispiel fleißig auf Akquisitionstour war, teuer eingekauft hat und dadurch einen hohen Posten Goodwill in seiner Bilanz aufweist, den belasten die jährlichen Abschreibungen auf diesen Posten das Ergebnis - es sei denn, er nimmt eine Kennzahl, die eben diese Belastung "herausfiltert" (Ebitda).

Auch die Deutsche Telekom verwendet diese Kennzahl - die teuren UMTS-Lizenzen lassen grüßen. Bei VW werden andere Kennzahlen, wie das DVFA-Ergebnis und ein Cash-Flow genannt, der aber nicht definiert wird. Auf Ebit-Nennungen verzichten die Wolfsburger. BMW veröffentlicht weder DVFA-Zahlen noch Ebit-Angaben.Siemens informiert die Aktionäre mit einem Ergebnis je Aktie nach DVFA/SG. Darüber hinaus gibt es aber keine betriebsergebnisähnlichen Kennzahlen wie zum Beispiel das Ebit. Diese Angaben gibt es vordergründig nur in den Zwischenberichten. Im Geschäftsbericht muss man sie sich aus den "Tiefen" der Segmentberichterstattung heraussuchen.

Vergleichbarkeit und Aussagekraft der Jahresabschlüsse werden aber nicht nur durch eine unterschiedliche "Sprache" eingeschränkt. Nach wie vor beeinträchtigen auch bilanzpolitische Maßnahmen die Aussagekraft der Berichte.

So haben zum Beispiel bei der Telekom hohe Erträge aus Beteiligungsverkäufen das Ergebnis gestützt. Diese werden unter "sonstige betriebliche Erträge" gezeigt, was für denjenigen, der wissen möchte, wie das ordentliche Geschäft gelaufen ist, verwirrend ist. Zusätzliche Milliardenbeträge aus Beteiligungsverkäufen kann man im Finanzergebnis "entdecken".

Beliebt ist auch die Praxis, Firmenwerte erfolgsneutral gegen die Rücklagen zu verrechnen und damit den Ergebnisausweis aufzupolieren. Küting wift dies aktuell dem Großbäcker Kamps vor. Ein weiteres Beispiel, wie stille Reserven helfen, matte Jahresabschlüsse aufzupolieren, liefert MG Technologies. Auch hier stützen, wie bei der Telekom, hohe außerordentliche Erträge aus Beteiligungsverkäufen das Ergebnis. Zudem ist das Zahlenwerk des Frankfurter Konzerns zu wenig differenziert, kritisiert Bernhard Pellens vom Institut für Internationale Rechnungslegung der Universität Bochum.

Reichlich Beispiele für fehlende Aussagekraft und Vergleichbarkeit der Abschlüsse liefern Unternehmen des Neuen Marktes. Durch Maßnahmen wie die Nichteinbeziehung von Goodwill-Abschreibungen in die Ertragsrechnung, fehlende Kosten von Aktienoptionsprogrammen, Generierung von Buchgewinnen durch Auflösung von Rückstellungen und Zuschreibungen konnten Gesellschaften sich auch dann noch glänzend darstellen, wenn bereits die Illiquidität drohte.

Dass sich durch strengere Börsenregeln möglicherweise einheitliche und wahrheitsgetreuere Darstellungsformen erzwingen lassen, hält Karlheinz Küting für wenig wahrscheinlich. "Wir werden keine einheitlichen Bilanzen bekommen. Im Gegenteil - die Internationalisierung trägt dazu bei, dass wir bei der Vergleichbarkeit sogar weiter auseinander driften."

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