Behavioral Finance-Kenntnisse schützen vor Fehlentscheidungen an der Börse
Anleger neigen zu typischen Psycho-Fehlern

Gewinne zu früh realisieren und Verluste zu lange aussitzen - das sind typische Fehler, die die Rendite schmälern. Sie können mit den Erkenntnissen der Behavioral Finance erklärt werden.

FRANKFURT/M. 17.05.2002. Wer sich kurz vor dem Jahrtausendwechsel Telekom-Aktien ins Depot legte und abwartete, sitzt auf einem Verlust von knapp 70 %. Kaum besser ergeht es Altana-Aktionären, die Ende 1999 bei etwa 18 einstiegen und nicht die Puste hatten, den Titel-Anstieg bis heute über 64 abzuwarten.

Gewinne zu früh realisieren und Verluste zu lange aussitzen - das sind typische Fehler, die die Rendite schmälern. Sie können mit den Erkenntnissen der Behavioral Finance erklärt werden. Diese Wissenschaft beschäftigt sich mit dem Verhalten der Marktteilnehmer an den Finanzmärkten. Dadurch können Anleger Risiken erkennen und gegensteuern, wie kürzlich auf einer Konferenz des Institute for International Research (IIR) deutlich wurde.

"Anleger kaufen verstärkt Aktien aus dem eigenen Land oder von Unternehmen, die sie wegen des Namens oder den Marken zu kennen glauben", hat Professor Dirk Schiereck von der Universität Witten/Herdecke beobachtet. "Dadurch ist das Depot sehr riskant strukturiert". Außerdem bestehe die Tendenz, zu stark auf neue Informationen zu einem Unternehmen zu reagieren und sich selbst zu überschätzen.

Heinz-Werner Rapp von der Finanzplanungsgesellschaft Feritrust hat zudem festgestellt, dass Anleger nach kurzfristigen Erfolgen sorgloser werden. Gefährlich sei es auch, blind mit der Herde mitzulaufen. Ein weiterer Fehler: vorschnell Schlüsse ziehen und auch da Trends erkennen, wo gar keine sind. "Wenn ein Fondsmanager beispielsweise drei Jahre hintereinander Gewinn gemacht hat, sagt das statistisch nichts über dessen Qualität aus", sagte Schiereck. Finanztrainerin Monika Müller warnte davor, zu viele Leute in die eigene Aktienentscheidung einzuweihen. Sonst halte man schon allein wegen des Rechtbehaltens an einmal getroffenen Entscheidungen fest.

Risikobewußtsein allein schütze aber nicht vor Fehlern, bemerkte Schiereck. Die Fallen drohen privaten genauso wie professionellen Investoren. Allerdings sind Privatleute leicht im Vorteil: Sie müssen sich mit ihren Wertpapierentscheidungen nicht an der Konkurrenz messen lassen, haben keine Jahresziele und keinen Chef im Nacken, der Rechenschaft fordert. Dafür haben die Profis oft bessere Analyseinstrumente und mehr Zeit, sich mit ihren Anlagen zu beschäftigen.

Arjen Pasma, Fondsmanager bei ABN Amro, empfahl daher Privatanlegern, nur 10 bis 20 % ihres Kapitals selbst zu managen und den Rest an Profis zu geben. Auch die haben zur Depotbeimischung Produkte, die die Erkenntnisse der Behavioral Finance für sich nutzen: Der Behavioral Finance-Fonds von ABN Amro etwa versucht, Marktannomalien mit Hilfe von quantitativen Modellen auszuschalten.

Das Fondshaus JP Morgan Fleming geht mit seinen beiden Fonds Europe Strategic Value und European Strategic Growth einen anderen Weg. Hier soll das Geld an den "extremen Enden von Value und Growth" verdient werden, wie Geschäftsführerin Susanne Otto erläuterte. Schließlich seien an diesen Stellen die Marktannomalien am größten. Würden sie ausgenutzt, bringe das einen Zusatzertrag.

Quelle: Heike Herbertz
Petra Hoffknecht
Handelsblatt / Redakteurin
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