Behavioral Finance
Psychologen raten zum raschen Verkauf von Minusaktien

Seit 18 Monaten sind die Börsen auf Talfahrt, die Marktberichte bleiben düster und die Talsohle ist nach Ansicht vieler Analysten noch nicht in Sicht. Spätestens jetzt müssten private und institutionelle Investoren ihr Anlageverhalten überprüfen, sagen Experten für verhaltensorientierte Finanzanalyse - Behavioral Finance.

Reuters FRANKFURT. Die Behavioral Analysts untersuchen das Verhalten der Marktteilnehmer und leiten aus ihren Beobachtungen Empfehlungen ab. Angesichts der Minus-Rekorde an den Aktienmärkten raten sie, verlustreiche Aktien möglichst schnell zu verkaufen und Gewinnpositionen zu halten.

Bislang machen die Investoren jedoch genau das Gegenteil: Von Verlustmachern trennten sie sich zu spät, Gewinneraktien dagegen würden oft zu früh verkauft. "Anleger neigen dazu, nur positive Nachrichten wahrzunehmen", sagt Gianni Hirschmüller von cognitrend. In dem Glauben, die Kurse würden wieder steigen, hätten viele Investoren ihre Verlustpositionen ausgebaut - also im fallenden Markt nachgekauft, in der Hoffnung mit steigenden Kursen frühere Verluste wieder auszugleichen. Dabei hätten die Anleger allerdings immer mehr Verluste gemacht. "Ich glaube, dass viele erst jetzt anfangen zu erkennen, wie negativ die Lage ist."

Für Hirschmüller und andere Verhaltensanalysten ist die Marktlage so schlecht, dass sie den Zeitpunkt für neue Engagements noch lange nicht kommen sehen. Sie gehen davon aus, dass erst absoluter Pessimismus oder Panikverkäufe Zeichen für eine Bodenbildung seien. "Da ist immer noch das Prinzip Hoffnung drin. Die Leute sagen, der Markt sei kurzfristig kaputt, komme aber wieder", beschreibt Michael Riesner bei der DG-Bank die Stimmung der Anleger. Deren Hoffnung verleiht er allerdings einen Dämpfer: "Wahrscheinlich ist es umgekehrt."

Behavioristen empfehlen Spekulationsplan

Auch Stimmungsindikatoren wie der so genannte Call/Put-Ratio illustrierten die Widersprüche im Markt, sagt Michael Riesner von der DG-Bank. Der Indikator, der das Verhältnis von Kauf- und Verkaufsoptionen darstellt, sei im Augenblick neutral und liege mit etwa 0,8 Punkten fast noch auf dem gleichen Stand wie im Frühjahr, als der Dax noch bei rund 6 600 Punkten gestanden habe -- nicht unter 5 000. "Das heißt, bei den Dax-Optionen sind Anleger immer noch viel zu optimistisch", sagt Riesner. Das sei gefährlich, so mancher mache sich etwas vor. Mit der späten Einsicht in die Marktlage komme auf die Investoren jetzt die Entscheidung zu, "den inneren Schweinehund zu überwinden, die gemachten Verluste zu realisieren und eine neue Strategie zu entwickeln", sagt Hirschmüller.

Behavioristen empfehlen jedem Anleger, sich von Anfang an einen Spekulationsplan zu machen. Dazu gehörten die Fragen: Was will ich erreichen? Welche Verluste bin ich maximal bereit hinzunehmen? Entscheidungsgrundlage für ein selektives Investment sei eine einfache Grundregel: "Mein Kursziel sollte so hoch sein, dass der Gewinn bei dem Drei- oder Vierfachen dessen liegt, was ich bereit bin zu verlieren."

Als Lehre aus der Vergangenheit müsse sich der Anleger vor Augen halten, dass jede Information und Annahme über ein Investment lückenhaft sein könnte. "Wenn ich mich für eine Anlage entschieden habe, werde ich immer Argumente für diese Anlage finden", sagt Hirschmüller. Doch jedes Argument müsse hinterfragt werden. "Die meisten machen sich keine Gedanken, was passiert, wenn sich eine Anlage in die andere Richtung entwickelt." Dabei seien Verluste das einfachste und eindeutigste Zeichen für eine falsche Entwicklung. Viele setzten Stop-Loss-Marken - also Verkaufsmarken zur Begrenzung von Verlusten - allerdings ohne zu handeln, wenn diese Verkaufssignale erreicht seien. Ein Fehler, sagt Hirschmüller: "Wenn die Stop-Loss-Marke erreicht wird, muss man auch wirklich raus und nicht die Verluste laufen lassen". Generell gelte: "Verluste kurz halten und Gewinne laufen lassen.

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