Behörden verdienen kräftig am Milliardenmarkt der Raubkopien mit
Chinas Schattenboxen gegen die Produktpiraten

Behörden und Staatsfirmen in China - vor allem auf Provinzebene - dulden die Umtriebe der Nachahmer von Markenprodukten nicht nur, sie fördern sie zunehmend auf immer höherem technischen Niveau. Auch der Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation ändert daran nichts.

PEKING. Seit China im Dezember der Welthandelsorganisation (WTO) beigetreten ist, überschlagen sich die staatlich gelenkten Medien mit Erfolgsmeldungen über den Kampf gegen Legionen von Raubkopierern. Rund 16 Mrd. $ Umsatz verlieren westliche Konzerne in dem Land jedes Jahr, weil von Batterien und Shampoos über Likör und Software bis hin zu Maschinen so ziemlich alles abgekupfert wird.

Gerade ging im Reich der Mitte ein 100 Tage währender "Krieg gegen Plagiate" zu Ende. Die Propaganda-Maschinerie begleitete den Feldzug generalstabsmäßig, bis hin zu Kamera-Teams des staatlichen Fernsehens CCTV, die im Süden Chinas Supermärkte stürmten und in den Regalen nachgemachte Shampoos aufspürten. "Jedes Mal, wenn ich von so etwas höre", sagt Chinas Premier NZhu Rongji, "kann ich nicht gut schlafen". Die Regierung kultiviert mit Hilfe der Medien ihr Image eines WTO-konformen, globalen Handelspartners.

Doch die Realität sieht anders aus. Weniger als 1% der bekannt gewordenen Fälle führt in China zu Verurteilungen. Und während das staatliche Fernsehen den "Crackdown" der Zentralregierung gegen Heerscharen von Fälschern in Szene setzt, verdienen staatliche Behörden und Firmen bestens an dem Milliardenmarkt der Raubkopien mit. Gigantische Großmärkte wie die "Chengde Shopping City" in Hebei oder die "Yiwu Shopping Mall" in Zhejiang sind Paradiese für Konsumenten, die kopierte Markenware billig kaufen wollen. Diese Märkte setzen jährlich mehrere Milliarden Dollar um, mehr als mancher Multi im Reich der Mitte. Doch die Märkte werden von Behörden vermietet. Und die verdienen ordentlich mit an dem Geschäft, selbst in der Hauptstadt.

Ausländer in Peking können jeden Tag sehen, wie sich die Verkäufer raubkopierter DVDs zwischendurch mit rundherum postierten Polizisten angeregt unterhalten. Es kommt auch häufig vor, so weiß die Detektivin Diana Matthias, die für Rouse & Co. in China nach Plagiatoren fahndet, dass Staatsfirmen ihre schwindsüchtigen Kassen damit auffüllen, dass sie leere Fabriken an entlassene Arbeiter vermieten, die dann auf den verstaubten Fließbändern westliche Markenprodukte kopieren.

Die 30 Millionen PCs, auf denen in China zu über 90 % raubkopierte Software läuft, stehen meist in Amtsstuben oder Büros von Staatsfirmen. Dass staatliche Firmen und auch Behörden nicht nur eine duldende, sondern zunehmend eine aktive Rolle spielen, zeigen jüngste Beispiele. An Pekings Zeitungsständen liegt immer auffälliger eine Wochenzeitung aus, die in Farbe und Format selbst aus kürzester Entfernung verblüffend der "Financial Times" ähnlich sieht. Auch beim Blättern durch die verschiedenen Sektionen weicht dieser Eindruck kaum. Und als chinesische Zeitungen Anfang April die jüngsten Fortschritte bei der Entwicklung eines eigenen, chinesischen Magnetschnellzuges zeigten, da präsentierte die staatliche Nachrichtenagentur Neues China ein Bild vom lokalen "Transrapid", der bis hin zum roten Seitenstreifen auf den schlanken weißen Waggons jenem deutschen Produkt perfekt ähnelt, das das Transrapid-Konsortium aus ThyssenKrupp und Siemens nach Schanghai liefert.

Ganz zu schweigen vom "Chery", einem chinesischen Pkw aus der Provinz Anhui. Er besteht zu 60 % aus Teilen des VW-Jetta und wird mit Hilfe von Shanghai Automotive Industry Co, SAIC - Partner von VW in Chinas größtem Join Venture - landesweit vertrieben. Im vergangenen Jahr verwies der Chery bereits den Kompaktwagen "Sail" von General Motors - auch ein SAIC-Partner in Shanghai - auf die Ränge der nationalen Verkaufshitliste. Bei VW ist man so sauer auf den Chery, dass die Wolfsburger laut einer chinesischen Zeitung die SAIC nun vor lokalen Gerichten verklagt haben.

Ein Ende des Booms für Plagiatoren ist nicht abzusehen, trotz WTO-Beitritt. Im Gegenteil: Jetzt, nach dem Beitritt zur Welthandelsorganisation, "wird alles kurzfristig noch schwieriger werden", sagt Joseph Johnson, der Präsident von Unilever Bestfoods in China. Denn die WTO öffne mehr Vertriebswege.

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