Behörden wollen Verbrecher in der Menge aufspüren
Software scannt Gesichter in Kalifornien zur Verbrecherjagd

Aunsahmslos erfasst wird jeder durch die Kameras in der kalifornischen Stadt Tampa. Eine neue Software scannt die Gesichtszüge und vergleicht sie mit einer Verbrecherkartei. Was die Polizei als Service für die Bürger preist, bringt Datenschützer auf die Barrikaden.

dpa WASHINGTON. Der Gast sitzt in einem schicken Lokal im Szeneviertel Ybor der Florida-Metropole Tampa, trinkt gemütlich ein Bier, als plötzlich drei Polizisten auftauchen und ihn festnehmen. Es ist ein Testerfolg für das neue biometrische Überwachungssystem FaceIt, das zum ersten Mal in den USA in einem ganzen Stadtteil eingesetzt wird. Mit 36 Kameras werden die Passanten überall im Viertel verfolgt und ihre Gesichtszüge dann durch die biometrische Software mit den Fotos von zehntausenden Verbrechern abgeglichen.

Die Software analysiert die digitalen Aufnahmen der Passanten und Straßencafe-Gäste und "zerlegt" die Gesichtszüge in hunderte Bestandteile wie Augenabstand, Nasengröße oder Wangenform. Diese Daten werden dann mit den Fotos der Verbrecher verglichen. Bei einer Übereinstimmung von 85 % erschallt im Überwachungsraum der Polizei ein lauter Alarmton. Die Beamten können dann sofort die Streifenpolizisten vor Ort alarmieren und den Verdächtigen festnehmen.

Für die Polizei in Tampa im Sonnenstaat Florida ist das neue System ein wahrer Segen. "Die beste Methode, die Straßen hier sicher zu machen, ist es, die örtlichen Ganoven wissen zu lassen, dass sie identifiziert werden", sagt der für das Vergnügungsviertel zuständige Polizeichef Rick Duran. Sein Kollege Bill Todd sieht in der Software lediglich die moderne Form der Verbrechensbekämpfung. "Das ist doch nichts anderes als einen Beamten mit einem "Gesucht"- Foto auf die Straße zu schicken, um dort Ausschau zu halten."

Dass ihr digitales Überwachungssystem nicht überall mit der selben Begeisterung aufgenommen wird, wissen die beiden Beamten spätestens seit Ende Januar, als sie es beim amerikanischen Football-Endspiel Super Bowl erstmals einsetzten. Jeder der 75 000 Besucher des größten US-Sportereignisses des Jahres wurde von den digitalen Kameras erfasst. 19 Personen wurden auf diese Weise identifiziert, darunter einige illegale Ticketverkäufer. Festgenommen wurde niemand, da die Polizei in der Menschenmenge nicht rechtzeitig zu den Gesuchten vordringen konnte.

Das Individuum unter Totalkontrolle

Schon damals hatten Datenschützer und Bürgerrechtsgruppen scharfe Kritik an dem Verfahren geübt. Die Überwachung nehme ein Ausmaß an, in dem die Polizei und private Sicherheitsdienste jede Bewegung eines Individuums verfolgen könnten, sagte ein Sprecher der Bürgerrechtsbewegung "American Civils Liberties Union" (ACLU).

Nach der Installierung des Systems in Tampa sagte der örtliche ACLU-Vorsitzende Jack Walters: "Das ist der Beginn von Big Brother." Damit würden die Tore für alle möglichen weiteren Überwachungen geöffnet. So sorgen sich Handy-Besitzer in den USA bereits, dass alle ihre Bewegungen mit Hilfe neuer Technologie verfolgt werden können. In New York verweisen Datenschützer darauf, dass es allein in Manhattan mehr als 3 000 Überwachungskameras gibt. Würden sie mit der Software gekoppelt, könnten binnen kürzester Zeit hundertausende Menschen gescannt werden.

Im Vergnügungsviertel Ybor sind die Meinungen über das System geteilt. Die 35 Jahre alte Wanda Souders erklärte in einem Zeitungsinterview, sie finde es "prima", weil sie sich nun weniger Gedanken über Verbrechen machen müsse. Der 23 Jahre alte Verkäufer Ryan Rovelto sagte dagegen, "ich werde zwar nicht gesucht, aber es macht mich nervös, wenn sie mich jederzeit in der Menge rauspicken können. Wer weiß, zu was das noch führt."

Das Software-Unternehmen Visionics, das FaceIt herstellt, weist Kritik an seinem 30 000 Dollar (69 000 DM/35 000 ?) teurem Programm zurück. Der Datenschutz sei schon dadurch gesichert, dass alle Bilder von Unverdächtigen wieder gelöscht würden. Unternehmenssprecherin Frances Zelazny verweist darauf, dass die Software bereits ohne Probleme im englischen Birmingham und im Londoner Stadtteil Newham eingesetzt werde. In den USA seien mehrere andere Städte bereits an dem System interessiert.

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