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Bei Anruf: Geld

Das Bezahlen per Handy statt mit Geldbörse oder Kreditkarte ist vom Palast der Hoffnung zum Wartesaal mutiert: Die Anbieter warten auf Kunden, Nutzer auf das Ausführen von Zahlungen und Verweigerer auf verständliche Systeme. Hat die Technik wirklich noch eine Chance?

DÜSSELDORF. Die Pizza Salami kostet beim Lieferdienst Joey's Pizzaservice in Jena 9,30 DM in bar - oder ein paar SMS. In einem Pilotprojekt hat die Lieferkette das mobile Bezahlsystem Street Cash getestet. Dabei schickt der Pizzabote eine SMS mit dem Betrag und der Mobilfunknummer des Kunden an Street Cash. Der Kunde bekommt postwendend eine Kurznachricht und bestätigt den Vorgang mit einer Geheimnummer. Zum Schluss erhält der Pizzabote eine letzte SMS, die wiederum bestätigt, dass alles bezahlt ist.

Und bis das alles erledigt ist, ist die Pizza Salami häufig kalt: "Es hat teilweise Stunden gedauert, bis die Kurzmitteilungen eingegangen sind", verrät ein Mitarbeiter. Schließlich hätten die Mobilfunkbetreiber ja keine Verpflichtung, die SMS sofort zu verschicken. Street Cash hat das Problem zwischenzeitlich gelöst - es werden als Notlösung Faxe an den Pizzadienst versendet, damit zumindest das Warten auf die letzte SMS entfällt.

Trotz der Anfangsschwierigkeiten dieses Systems: Nicht der Euro, sondern das Handy könnte zum Zahlungsmittel der Zukunft werden. Derzeit gibt es unzählige Bezahlvarianten - vom klassischen Bargeld über den Scheck bis hin zur Micropayment-Software fürs Internet. Alle Bezahlformen haben ihre typischen Einsatzgebiete, doch das Handy verspricht Universalität. Sowohl die Brötchen beim Bäcker, das Päckchen Zigaretten aus dem Automaten wie auch der mobile Verkehrsinfodienst oder die Online-Buchbestellung lassen sich mit dem Mobiltelefon von jedem Ort aus bezahlen.

Und: 50 Millionen Handys sind bereits jetzt in Deutschland im Einsatz. Rund 66 % der deutschen Internet-Nutzer können sich vorstellen, selbst im Taxi oder im Supermarkt per Handy zu zahlen, fand das Internet-Marktforschungsinstitut Speedfacts heraus. Auch der mobile Kontozugriff ist für mehr als die Hälfte der rund 42 000 Befragten langfristig denkbar.

Zur großen Chance für die Bezahlbranche dürfte vor allem die Einführung des neuen Mobilfunk-Standards UMTS werden. Beim Mobiltelefon der Zukunft wird es - anders als im Internet - von Anfang an eine Bezahl-Kultur für Zusatzdienste geben, prophezeien Experten. Schließlich müssten die Betreiber die horrenden Kosten für die UMTS-Lizenzen und den Netzausbau über die Kunden wieder reinholen. "Es wird da eine Menge mobiler Dienstleistungen geben, die abgerechnet werden müssen", glaubt Jochen Schwiersch, Finanzvorstand beim Street-Cash-Konkurrenten Paybox, schon heute an das Geschäft. Ähnlich wie die Kreditkartenunternehmen verdienen die Bezahlanbieter fürs Handy bei jeder Transaktion mit.

Auch die Mobilfunk-Unternehmen wittern eine Gelegenheit: So hat die Rendsburger Mobilcom mit der Landesbank Baden-Württemberg ein Gemeinschaftsunternehmen ins Leben gerufen: die Mobilbank. Sie wird ab Herbst Wertpapier- und Bankgeschäfte von Handy zu Handy anbieten. Zurzeit probieren rund 30 Tester aus den Projekt-Teams beider Unternehmen das Bezahlen und Überweisen per Handy aus, sagt Mobilbank-Mann Michael Jander.

Auch E-Plus hat sich an einem Unternehmen für mobiles Bezahlen beteiligt. Gemeinsam mit der Unternehmensberatung Accenture, der Dortmunder Softwaregruppe Materna und dem Kreditkarten-Abwicklungsunternehmen GZS hat E-Plus Payitmobile gegründet. Das Unternehmen wird den Kunden wahlweise eine Zahlungsautorisierung per SMS oder Sprachcomputer anbieten. Im Moment laufen erste Tests.

Vorerst aber heißt es zu warten: auf weitere Lösungen, und nicht zuletzt auf Kunden, die willig sind, Beträge tippend hin und her zu schieben. Vieles ist geplant - wenig läuft schon: "Beim mobilen Bezahlen sieht es derzeit noch düster aus", bilanziert Markus Braun, Technikvorstand der Wirecard AG. Das Unternehmen entwickelt Software für Händler, die unterschiedlichste Bezahlverfahren wie Kredit- und EC- Karten oder die Lastschrift an Warenwirtschaftssysteme anbindet.

"Das Interesse ist zwar groß und es steckt viel Potenzial in diesem Segment, aber bislang gibt es außer Testphasen und Ankündigungen kaum Greifbares", sagt Braun. Das einzige Unternehmen, das bislang wirklich Geschäft vorweisen könne, sei Paybox.

Die Frankfurter Firma, an der die Deutsche Bank zur Hälfte beteiligt ist, hat seit dem Start vor gut einem Jahr 260 000 Nutzer und 5 000 Partnerunternehmen gewonnen. Beim Paybox-Prinzip müssen die Nutzer nur ihre Mobiltelefonnummer beim Händler angeben. Ein Sprachcomputer ruft dann auf dem Handy zurück, lässt sich den zu zahlenden Betrag bestätigen und fragt eine Geheimnummer ab. Dann wird das Geld per Lastschrift vom Konto abgebucht.

Die registrierten Nutzer können so in Hotels, Reisebüros, Taxis und bei rund 1 000 Internet-Shops per Handy ihre Rechnungen begleichen. Laut einer Umfrage unter den 35 größten Internet-Shops in Deutschland bieten aber nur rund 16 % Paybox als Zahlungsmöglichkeit an, fand das Berliner Marktforschungsunternehmen Berlecon Research heraus.

Einen kleinen Vorteil glauben die Handy-Bezahlanbieter auch bei Sicherheit und Datenschutz zu haben. Dem Kunden bleibe in jedem Fall erspart, seine Kreditkartennummer oder Kontodaten bei jedem Einkauf einzugeben, heißt es unisono. Hinzu kommt ein systembedingter Vorteil: "Wer einen Paybox-Kunden ausnehmen will, braucht nicht nur das Handy, das in den meisten Fällen schon mit einem Code geschützt ist, sondern auch die Paybox-Pin-Nummer", erklärt Finanzvorstand Schwiersch.

Mittlerweile gibt es sogar einige Bezahlvarianten, bei denen der Kunde völlig unerkannt bleiben kann. Die Regensburger Adori AG bietet beispielsweise ein anonymisiertes Bezahlverfahren für Internet-Inhalte an. Dazu muss der Surfer lediglich eine kostenpflichtige Telefonnummer anrufen. Die Abrechnung erfolgt am Monatsende über die Telefonrechnung. Dieses Verfahren sei besonders sicher, weil der Kunde keine Kreditkartennummer oder Kontoverbindungen im Internet eingeben müsse, wirbt Adori.

Auch Street Cash bietet gemeinsam mit der Paysafecard eine anonyme Bezahlmöglichkeit an, die ohne Probleme auch im wirklichen Leben eingesetzt werden kann. Dabei kauft der Kunde bei der Commerzbank Karten im Wert von 50, 100 oder 200 DM. Diese Karten haben einen 16-stelligen Zahlencode auf der Rückseite, mit dem der Kunde mit seinem Handy zahlen kann, ohne sich anzumelden.

Allerdings sind noch einige Hürden zu nehmen. Ganz wichtig ist zum Beispiel das Tempo: Wenn der Bezahlvorgang zu lange dauert, verliert der Kunde schnell die Geduld - und das nicht nur dann, wenn die Pizza erkaltet. Paybox gibt an, dass Bezahlvorgänge im Durchschnitt nicht länger als eine Minute dauern - wohlgemerkt: im Durchschnitt. Und Konkurrent Payitmobile will eine "schnellstmögliche Autorisierung erreichen" - was wohl heißt, dass das Unternehmen sie bislang nicht erreicht hat.

Wird aber beispielsweise der Autorisierungsvorgang nicht schnell abgewickelt, kann es passieren, dass die Verbindung unterbrochen wird. Das ist eine mögliche Ursache für falsche oder doppelte Zahlungen, die für die Firmen mit teuren Rückbuchungen und für die Kunden mit Aufwand verbunden sind. Das Vertrauen wäre bei einem Fehler dahin.

Auch die allgemeine Nutzerfreundlichkeit der Bezahlsysteme ist offenbar verbesserungsbedürftig, wie ein Paybox-Projekt in Taxis zeigte. Fahrgäste, die das Handy zum Zahlen zückten, erfuhren vom Chauffeur schon mal: "Mit Handy? Das funktioniert nicht" - was indes nichts anderes hieß, als dass ihnen das Prozedere zu umständlich war.

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