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Bei den Analysten fehlt noch die Transparenz

Ratings brauchen einheitliche Kriterien

HANDELSBLATT, 10.10.2003
Sie arbeiten am selben Projekt - bei den Ratings aber schneiden sie ganz unterschiedlich ab: Shell und Exxon haben nahe der russischen Insel Sachalin begonnen, unterseeische Öl- und Gasvorkommen im Wert von 22 Milliarden US-Dollar auszubeuten. BP schloss sich an. Bei Nachhaltigkeitsfonds und-indizes erzielen BP und Shell gute Werte. Exxon aber nahm der tonangebende Dow Jones Sustainability Index nicht auf. Warum sind die Ratings der Ölriesen so verschieden? Zunehmend müssen Ratingagenturen solche Fragen beantworten. Denn institutionelle Anleger verlangen auch bei der Beurteilung nachhaltiger Investments mehr Transparenz.

Ratingbüros verwenden sehr unterschiedliche Kriterienkataloge. Nur eins ist klar: Bei Nachhaltigkeitsanalysten dominieren längerfristig angelegte Kriterien gegenüber der kurzfristigen Risikoanalyse, die traditionelle Analysten für Hauptindizes nutzen. Doch wie schwer wiegen nicht-finanzielle Risiken, zum Beispiel potenzielle Umweltschäden und Bedrohungen für die Arbeitsplätze in der Fischereiwirtschaft im Fall Sachalin? Analysten diskutieren heftig, ob nicht-finanzielle Risiken Bedrohungen für den Finanzwert von Firmen darstellen. Die Antwort fällt nicht leicht.

"Finanzanalysten wurden jahrelang zu Helden stilisiert. Doch der Enron-Skandal zeigt, dass sie leider nicht so gut darauf vorbereitet sind, die Nachhaltigkeit von Unternehmen zu bewerten", urteilt der Ökonom Timo van den Brink, Dozent an der Freien Universität Amsterdam. "Solch ein Versagen darf Nachhaltigkeitsanalysten nicht passieren." Neben messbaren Finanzrisiken müssen die Experten juristische, Umwelt- und Menschenrechtsaspekte beachten. "Herkömmliche Analysten sollten rasch Know-how erwerben, um den Bedarf institutioneller Investoren an umfassenden Analysen und guten nachhaltigen Finanzinstrumenten zu decken", sagt van den Brink.

Weltweit gibt es rund 30 auf nachhaltiges Wirtschaften spezialisierte Rating- und Research-Büros, die Banken, Pensionsfonds und Index-Herausgebern zuarbeiten. Die Amsterdamer Universität erläutert in der Studie "Screening and Rating Sustainability" deren Arbeitsweise. Aus Deutschland sind das imug-Institut, Oekom Research und Scoris dabei. Autor van den Brink resümiert: "Die Analystenwelt bleibt zum großen Teil die Transparenz schuldig, die sie von Unternehmen verlangt." Zudem gebe es noch zu viele Interessenvermischungen.

Während die Agenturen auf ihrer Methodenvielfalt beharren, fordert Brink eine größere Unabhängigkeit und Bereitschaft zur Standardisierung der Kriterien. "Eine zentrale Datenbank mit Nachhaltigkeitsleistungen von Unternehmen würde Vergleiche vereinfachen und transparenter machen. Analysten könnten dann gründlichere und zuverlässigere Analysen machen", regt van den Brink an. "Das würde auch ihre Existenzberechtigung sichern."      sbe

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