Bei den High-tech Besserwissern
Balsam für den Präsidenten

In Berlin hat es Horst Köhler nicht leicht. Umso mehr genießt der Bundespräsident die Nähe zu den Menschen - so auch beim Besuch bei Bosch und Siemens Automotive, wo er beiden Häusern den Zukunftspreis überreichte. Bei den High-Tech Besserwissern darf er es sein: ganz Wirtschaftsmann.

STUTTGART. Es ist kurz vor drei Uhr nachmittags, weit weg von der Hauptstadt, als dem Staatsoberhaupt der verräterische Satz entfährt: "Da macht es richtig Spaß, Bundespräsident zu sein." Horst Köhler besucht die erfolgreichsten Tüftler der Republik: Nach einer Visite bei Bosch in Stuttgart am Vormittag ist er nun bei Siemens Automotive im sächsischen Limbach-Oberfrohna eingetroffen. Entwickler beider Häuser haben den Zukunftspreis des Präsidenten bekommen. Nun genießt Köhler die Sympathie, die ihm von Arbeitern in Latzhosen und Managern gleichermaßen entgegenschlägt. Hier, bei den echten Besserwissern des High-Tech-Zeitalters ist er ganz Wirtschaftsmann, hier darf er es sein.

Der Trip führt ihn nicht nur räumlich weit weg von Berlin, wo ihm Sozialdemokraten Besserwisserei als Schimpfwort um die Ohren schlagen, weil er hartnäckig "Vorfahrt für Arbeit" fordert. Die Kanzlerin schweigt dazu und mit ihr die Union. Nur Guido Westerwelle ereifert sich.

Da wundert es wenig, dass das Flüchtlingskind Köhler, das es bis zum IWF-Direktor brachte, bevor die Berufung ins Bellevue kam, die Nähe zu den Menschen sucht. In der Siemens-Halle geht er von Monteur zu Monteur, fragt nach der Stimmung, ob auch sie "stolz sind auf den Preis", klopft auf Schultern und wünscht warmherzig "alles Gute". Der Trost der Macher vor Ort, die schrauben statt zu reden, wirkt wie Balsam.

Wer den Präsidenten mit den Entwicklern reden hört, kann sich kaum vorstellen, dass der Berliner Liebesentzug den als stur bekannten Köhler von seinem Leib- und Magen-Thema abbringt. Zwar lässt sich der Präsident willig die revolutionäre "Piezo-Einspritztechnik" erklären, die Bosch und Siemens parallel entwickelt haben, um Diesel- und Benzin-Motoren leiser, effektiver und sauberer zu machen. Brav schraubt er für die Kamera ein Ventil zusammen. Doch was ihn umtreibt, sind die Früchte der Innovation. Er fragt, ob auch andere auf der Welt die Piezo-Technik beherrschen, ob die beiden deutschen Hersteller Zugang zu den großen Märkten in USA und Fernost haben, und ob der Piezo-Motor "auch mit so etwas wie dem Hybrid-Motor mithalten kann" - und wie viele Jobs das am Ende bringt. Er fragt in seiner klaren, ungeschnörkelten Sprache, die mancher in Berlin banal findet. Seit er im Amt ist, müssen Erfindungen, die den renommierten Zukunftspreis erhalten, weit mehr als früher "anwendungs- und marktreif" sein. Der Präsident will nicht ehren, er will Ergebnisse sehen. Und ist "heilfroh", dass die zwei Unternehmen "hier spitze in der Welt sind", "ganz happy", dass es dort "überhaupt keine Zukunftsangst gibt". Es sehe so aus, als ob "die Republik, zumindest teilweise, noch in Ordnung ist", sagt er vor den Boschianern.

Doch dann bricht wieder die Ungeduld durch, die Deutschland von einem Staatsoberhaupt nicht gewohnt ist. Hier zu Lande hapere es bei der Umsetzung von Ideen in marktreife Produkte. Deshalb sollen die Manager Köhler sagen, welche Hemmnisse es wegzuräumen gilt, "um den Weg vom Patent zu mehr Arbeitsplätzen leichter zu machen". Als die Antworten vage bleiben, spiegelt sich leichter Unmut auf dem Antlitz des Präsidenten. Endlich fällt das Stichwort vom Venture Capital, von dem es zu wenig gebe. Fast elektrisiert zeigt Köhler auf seinen Begleiter: "Also Wagniskapital! Herr Staatssekretär, dann müssen wir das geben." Da klingt Köhler wie ein Wirtschaftsminister, der einen neuen Fonds plant. Aber der Präsidentenhaushalt wird das wohl auch in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit nicht hergeben.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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