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Bei den Rolling Stones

"Es ist doch herrlich, all die jungen Leute zu sehen", ulkt mein Freund Allan. Ich schaue mich um. Ja, wunderbar, und ich bin dabei, mitten unter all den jungen Menschen. Durchschnittsalter vielleicht so irgendwo zwischen 50 und 60 (ich gehöre also eher zu den Jüngeren).

"Es ist doch herrlich, all die jungen Leute zu sehen", ulkt mein Freund Allan. Ich schaue mich um. Ja, wunderbar, und ich bin dabei, mitten unter all den jungen Menschen. Durchschnittsalter vielleicht so irgendwo zwischen 50 und 60 (ich gehöre also eher zu den Jüngeren). Grauhaarige Damen, die man wohl eher beim five-o-clock-tea mit feinem Porzellan auf dem Plüschsofa vermuten würde, und Männer, die gemeinhin geschäftig mit Schlips und Kragen durch Downtown Ottawa laufen, sich jetzt aber mit T-Shirt kleiden, unter denen sich der Bauch wölbt. Natürlich mit Sandalen und Jeans, und wer noch über volles Haupthaar verfügt, der lässt es gerne im sommerlichen Abendwind flattern, der durch das Frank Clair-Stadion von Ottawa säuselt. Es ist ein wunderbarer Abend: Das Konzert der Rolling Stones in Kanadas Hauptstadt.

Wenn "Mick Jagger und seine geriatrischen Rockerkumpels" - wie die Tageszeitung "Globe and Mail" respektvoll-despektierlich schrieb - rufen, dann strömen Jung und Alt. Als die Eintrittskarten für das Konzert Anfang Juli in den Verkauf gingen, waren ruckzuck die 40.000 Plätze ausverkauft. Wir hatten zunächst Pech, und nur weil eine Woche später unversehens noch einmal ein paar tausend Tickets in den Verkauf kamen und unsere Freunde im Internet lauerten, kamen wir in den Genuss, die größte Rock´n Roll-Band aller Zeiten live sehen zu können und bei "The Bigger Bang" dabei zu sein. Die jungen Alten hält es nicht auf den Sitzen. Wenn Keith Richards und Ron Wood ihre Gitarren malträtieren, Charlie Watts auf das Schlagzeug eindrischt und Mick Jagger von links nach rechts und von rechts nach links über die Bühne wetzt und dabei das Mikro fast verschluckt, springen alle auf. Da wiegen sie sich im Rhythmus, die ehrenwerten Jugendlichen, strecken die Arme in die Luft und schreien "And you can´t always get what you want", denn fast jeder kann zumindest einzelne Passagen der Lieder mitsingen. Man kennt sie ja schon lange genug, die Stones und ihre Songs, Start me up, Jumpin´ Jack Flash, Brown Sugar, Honky Tonk Woman und natürlich I can´t get no satisfaction.

Zum zweiten Mal in ihrer langen Geschichte gastieren die Stones in Ottawa. Das erste Mal war im Sommer 1965, zu Beginn ihrer Karriere. Damals spielten sie im Auditorium des YMCA. Ruth war dabei. 15 Jahre war sie damals, erzählt sie mir. "Wir hatten ja keine Idee, dass dies einmal solche Stars sein würden", sagt sie. Es war der "Beginn der britischen Invasion" mit den Beatles und den Stones, und sie zahlte 2 Dollar 50 für die Eintrittskarte, was heute etwa 20 Dollar entsprechen würde (ich musste 110 Dollar zahlen, und es war so ziemlich das billigste Ticket). "Das Konzert war nicht ausverkauft", erinnert sich Ruth. "Es war meine erste Begegnung mit Rock´n Roll. Eigentlich war ich damals eher ein Folk-Fan." Von Fan-Artikeln und "merchandise" war natürlich nicht die Rede. "Es gab keine T-Shirts, nichts."

Jetzt sitzt Ruth im Stadion, inmitten von 45.000 Menschen. Irgendwo auf den Rängen sitzt ihre Tochter Madeleine. Sie ist 18. Auch unser Sohn ist mit Freunden im Stadion, um die alten Männer über die Bühne hüpfen zu sehen. Funny, dass sich die Kinder für die gleiche Musik begeistern können wie ihre Eltern (jedenfalls zum Teil). Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich als 18- oder 20-jähriger Jubelschreie ausstieß, wenn meine Eltern zum Konzertbesuch "baten".

Nach ihrem Gastspiel in Ottawa treten die Rolling Stones an diesem ersten September-Wochenende in Moncton in der kanadischen Atlantikprovinz New Brunswick (Neu-Braunschweig)auf. Mehr als 80.000 Menschen werden zu dem open air-Konzert auf dem "Magnetic Hill" erwartet. Für Moncton, so ist zu lesen, ist es die größte Veranstaltung seit dem Besuch des Papstes in den 80-er Jahren. Sollten Sie noch nie von Moncton gehört haben, ist das kein Grund zur Beunruhigung. Die meisten Kanadier wissen vermutlich nicht, wo Moncton liegt. Auch Mick Jagger wusste es offensichtlich nicht so ganz genau, denn als das Tourneeprogramm vorgestellt wurde, meinte er, der Weg würde die Band bis nach Nova Scotia (Neuschottland) führen. Was ja, zum Bedauern der Menschen in Neuschottlands Hauptstadt Halifax, nicht stimmt. Sie finden es sicher nicht amüsant, dass die Rolling Stones beim etwa 250 Kilometer entfernten Konkurrenten gastieren, denn Halifax sieht sich gerne als die urbane Metropole an Kanadas Atlantikküste. Das Woc henende, so meint die "Globe and Mail", wird Halifax jedenfalls "no satisfaction" bringen.

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