Bei der Kreditvergabe für Unternehmen wird es in Zukunft gerechter zugehen
Die Vorschriften von Basel II machen Risikomanagement zur Pflichtaufgabe

Mittelstand und Banken wühlt derzeit ein Begriff auf: Basel II. Werden die Regeln die Finanzwelt wirklich verändern? Sie könnten auch zu einer differenzierteren, risikogerechteren Kreditvergabe für Unternehmen führen.

Wichtige Frage im Kontext: Werden durch die Neuerungen von Basel II zukünftig mittelständische Unternehmen von der Kreditvergabe durch Banken ausgeschlossen? Diese Fragen scheinen umso dramatischer unter dem Aspekt, dass etwa zwei Drittel des Fremdfinanzierungsbedarfs der Unternehmen in Deutschland von Banken abgedeckt werden.

Die Kreditvergabe ist seit jeher das Kerngeschäft von Banken. Auch der hinter uns liegende Strukturwandel der Finanzmärkte in Richtung neuer Geschäftsfelder hat an dieser Tatsache nichts geändert. Die mit der Kreditvergabe verbundenen Risiken haben Banken schon bisher durch entsprechende Margen sowie Eigenmittel abgedeckt, um insbesondere größere, unvorhergesehene Verluste auffangen zu können. Dies wird sich auch durch Basel II nicht ändern. Der adäquaten Einschätzung der eingegangenen Risiken jedes einzelnen Engagements fällt aber zukünftig eine zentrale Rolle zu. Die Höhe des einzusetzenden Eigenkapitals ist künftig direkt proportional zum Risiko, das die Bank für jedes einzelne Kreditengagement eingeht. Unter dem Aspekt, dass unterschätzte und falsch beurteilte Kreditrisiken die weitaus häufigste Ursache existenzbedrohender Schwierigkeiten von Banken darstellen, ist dieser Ansatz von Basel II zu begrüßen. In Konsequenz bedeutet dies, dass Kredite mit hohem Risiko viel Eigenkapital binden werden und somit teurer werden, Kredite mit geringem Risiko hingegen "billiger" werden können.

Das Kreditrisiko hängt ganz generell von zwei Größen ab: der Wahrscheinlichkeit, dass ein Kreditnehmer seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommt (Ausfallwahrscheinlichkeit), und der Höhe des dabei erlittenen Verlustes des Gläubigers (Verlustquote). Der Verlust hängt wiederum im wesentlichen von der Höhe ausstehender Forderungen reduziert um dem Wert hinterlegter Sicherheiten und dem Wert möglicher sonstiger Sicherheiten ab, die die Bank im Falle einer Insolvenz veräußern kann. Von einer Absicherung der Risiken können zukünftig sowohl Gläubiger als auch Schuldner profitieren: der Gläubiger, um Eigenmittel zu sparen, und der Schuldner, um bessere Kreditkonditionen zu erzielen.

Zu Beginn jeder Absicherungsstrategie steht die möglichst genaue Quantifizierung der einzugehenden Risiken. Aus Sicht des Gläubigers sind dazu die Ausfallwahrscheinlichkeit des Kreditnehmers und die Verlustquote des Engagements zu bestimmen. Die Ausfallwahrscheinlichkeit wird üblicherweise mit Hilfe eines Ratingsystems ermittelt, das auf Grund von unterschiedlichen Finanzkennzahlen und qualitativen Kriterien des Kreditnehmers dessen Bonität bestimmt.

Risikosensitive Einstufung

Besondere Bedeutung kommt hierbei einer möglichst risikosensitiven Einstufung zu, welche alle relevanten Risikofaktoren und Eigenschaften (Spezifika) des entsprechenden Kreditnehmers berücksichtigt. Dies können z.B. Besonderheiten der Branche, der Rechtsform oder auch der Mitarbeiterstruktur sein. So ist leicht einzusehen, dass sich z.B. die Kennzahlen eines Biotechnologie-Unternehmens nicht ohne weiteres mit denen eines mittelständischen Handwerksbetriebes vergleichen lassen. Hier setzt die Sorge vieler Industrieverbände an, ob das Ratingsystem der Bank das tatsächliche Risiko des Kreditnehmers adäquat widerspiegelt.

Noch wichtiger werden spezifische Branchenkenntnisse bei der Beurteilung von Sicherheiten werden. In den seltensten Fällen stehen Sicherheiten in Form liquider Wertpapiere oder Grundschulden zur Verfügung. Wahrscheinlicher handelt es sich um Sicherheiten, für deren genaue Beurteilung langjährige Markterfahrung, umfassendes Datenmaterial und auch die notwendigen Kontakte benötigt werden, um im Falle eines Falles die Sicherheiten bestmöglich zu verwerten.

Bei dieser Betrachtung wird schnell ersichtlich, dass eine Bank nicht auf jedem Gebiet entsprechende Voraussetzungen erfüllen kann. Hierdurch ergeben sich zukünftig verstärkt Chancen für Nischenbanken und Spezialinstitute. Als Nische kann dabei sowohl ein spezielles Industriesegment als auch eine Region verstanden werden. Der durch die aufsichtsrechtlichen Anforderungen von Basel II begonnene Wandel zu einem risikosensitiveren Risikomanagement kann somit einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil für eine Bank darstellen.

Neue Möglichkeiten der Kreditportfoliosteuerung

Banken haben außerdem die Möglichkeit, Teile ihres Ausfallrisikos mittels Kreditderivaten - wie zum Beispiel Credit Default Swaps oder Credit Default Notes - an andere Marktteilnehmer zu verkaufen. Die ständig steigende Anzahl neuer derivativer Instrumente eröffnet hier neue Möglichkeiten der Kreditportfoliosteuerung und-gestaltung. Die Absicherung mit Hilfe von Finanzderivaten steht natürlich nicht nur Kreditinstituten offen, sondern allen Marktteilnehmern. Insbesondere können Kreditnehmer ihre geschäftsspezifischen Risiken, wie z.B. eine starke Abhängigkeit von Fremdwährungskursen oder von Rohstoffpreisen reduzieren.

Im Zusammenhang mit Basel II werden zukünftig auch die Kreditnehmer stärker auf die mit ihrer Geschäftstätigkeit verbundenen Risiken achten müssen. Nicht nur die Höhe der bestehenden Risiken, sondern auch die erfolgreiche Steuerung dieser Risiken mittels eines adäquaten Risikomanagementsystems wird direkte Auswirkungen auf die Bonitätseinstufung durch die Bank und auf die Konditionen bei der Kreditvergabe haben.

Dieser Zwang zur Quantifizierung der Risiken, anstatt pauschalierten Abschätzungen, ist der zentrale Gedanke von Basel II. Er wird über die Kreditkonditionen zu einer differenzierteren, risikogerechteren Kreditvergabe für Unternehmen, nicht aber zum pauschalen Ausschluss von Fremdmitteln führen.

Dr. Mathias Presber ist für die d-fine GmbH in Eschborn tätig.

Quelle: Handelsblatt

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