Bei Gehaltsverhandlungen werden klare Zeichen gesetzt
Zeit des Abspeckens

Den Unternehmensbossen geht es immer stärker an die Geldbörse. Die Gründe dafür sind Gehaltsverzicht wie jüngst bei der Deutschen Telekom und der Verlust variabler Anteile. Neuerdings ziehen auch die Aufsichtsräte bei Gehaltsverhandlungen die Zügel an.

HB DÜSSELDORF. "Wir wollen insbesondere im Bereich der Führungskräfte ein klares Signal für den notwendigen Sparkurs setzen", schrieb kürzlich der neue Vorstandsvorsitzende der Deutsche Telekom AG, Helmut Sihler, an seine Mitarbeiter. Im Klartext heißt das: Die Vorstandsmitglieder verzichten auf einen Teil ihrer variablen Vergütung. Insgesamt 200 Mill. Euro will der Konzern in der Chefetage, aber auch bei Teilen der Angestellten in diesem und im nächsten Jahr sparen.

Ein "klares Zeichen" setzen


Die Deutsche Telekom steht mit diesem Schritt nicht allein da. Der Vorstand der Lufthansa AG etwa hatte bereits Ende 2001 "bis auf weiteres" angekündigt, auf zehn Prozent des Gehalts zu verzichten. Auch hier war die Absicht laut Vorstandschef Jürgen Weber, für die Belegschaft ein "klares Zeichen" zu setzen, die vom Unternehmen ebenfalls teilweise zur Kasse gebeten wurde.

Den Bossen geht es zunehmend an die Geldbörse. Gehaltsverzicht ist ein Grund, hinzu kommt der Verlust variabler Anteile - im Schnitt verdienten die Manager der 30 Dax-Unternehmen 2001 rund zehn Prozent weniger als im Vorjahr. Nun ziehen die Aufsichtsräte bereits bei Gehaltsverhandlungen die Zügel an.

"Die individuelle Leistung spielt nur noch eine Rolle, wenn das Unternehmen erfolgreich ist. Sie wird damit nicht mehr - wie heute oft praktiziert - als Ausgleichsposten herangezogen, um Konflikte zu vermeiden", sagt Michael Kramarsch von der Unternehmensberatung Towers Perrin.

"Man setzt zur Sicherheit einen Deckel drauf"


Erst ab einem vereinbarten Minimum werde künftig ein prozentualer Anteil ausgezahlt, sagt Heinz Evers, Geschäftsführer und Partner der Kienbaum Management Consultants GmbH. Wird diese Grenzlinie überschritten, steigt der Bonus. Jedoch könne er sich im Gegensatz zu früher oft nur noch maximal verdoppeln. "Man setzt da zur Sicherheit einen Deckel drauf."

Die Aufsichtsräte überdenken zudem die auf lange Sicht konzipierten Vergütungsanreize (Long-Term Incentives, LTI), sagt Evers. Diese beruhen häufig auf Aktienoptionsplänen: Der Manager erhält das Recht, Aktien zu einem vorher festgelegten Bezugspreis zu erwerben und die Differenz zum aktuellen, höheren Kurs beim Verkauf als Gewinn zu realisieren.

Das System ist schon seit längerem umstritten. Bei der Deutschen Telekom etwa hatten Vorstand und Aufsichtsrat vergangenes Jahr das Optionsprogramm der Vorstände auf Grundlage des niedrigen Aktienkurses berechnet. Theoretisch hätten die Chefs bei einem T-Aktienkurs auf dem Niveau der letzten Kapitalerhöhung allein für das Geschäftsjahr 2001 58 Mill. Euro kassieren können. Im Juni hatten der damalige Vorstandschef Ron Sommer und Konsorten auf die Option verzichtet.

Keine weiteren Gehaltsexplosionen


"Die neuen Regelungen werden eine dämpfende Wirkung auf LTI haben", prognostiziert Evers. Zwar schließe das nicht aus, dass die Gesamtvergütung steigen könne. Gehaltsexplosionen bei den Dax-Unternehmen von bis zu 30 Prozent, wie in den Jahren 1998 bis 2000, dürften sich aber nicht wiederholen.

Ein entscheidender Grund für die zunehmende Zurückhaltung ist die massive Kritik in der Öffentlichkeit. Heutzutage wisse jeder, was in Dax-Unternehmen verdient wird, sagt Evers. "Die Aufsichtsräte wollen mit den neuen Gehaltsmodellen punkten."

Orientierung am amerikanischen Modell


Eine Entwicklung, die derzeit auch in den USA stattfindet. Das Äquivalent der deutschen Aufsichtsräte, die "Boards", bastelt in einem bisher noch nie da gewesenen Umfang an neuen Möglichkeiten, die Gehälter zu gestalten. Besonders betroffen von den strengeren Kriterien: Neuzugänge auf Chefposten.

Das bekommt auch Edward D. Breen zu spüren. Der ehemalige Präsident von Motorola hilft dem in Schwierigkeiten geratenen Mischkonzern Tyco International aus der Patsche - für weniger Geld als sein Vorgänger. Dennis Kozlowski war im Juni als Chief Executive zurückgetreten, kurz bevor er wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung angeklagt wurde. Er bekannte sich nicht schuldig.

Nach Expertenschätzungen beläuft sich die Gesamtvergütung für Breen, Gehalt und Bonuszahlungen eingeschlossen, auf etwa 45 Mill. Dollar. Diese Summe ist etwa halb so groß wie die gesamte Vergütung seines Vorgängers Kozlowski im Geschäftsjahr 2001, Optionsrechte eingeschlossen. Das hat Equilar berechnet, eine Firma aus San Francisco, die die Kompensationspakete analysiert hat.

Ramponierte Glaubwürdigkeit wiederherstellen


Tyco versucht, inmitten von Vorwürfen der Bilanzfälschung und der finanziellen Bereicherung, seine ramponierte Glaubwürdigkeit wiederherzustellen. Ein Unternehmenssprecher räumte ein, das Paket für Breen sei "sehr viel niedriger als das, was Kozlowski gekriegt hat".

Auch Rick Belluzzo, ehemaliger President und Chief Operating Officer von Microsoft, backt kleinere Brötchen. Anfang September trat er als neuer Chef von Quantum im kalifornischen Milpitas an. Sein Grundgehalt beim Spezialisten für Datenspeicherung beläuft sich auf rund 600 000 Dollar im Jahr. Zudem erhielt Belluzzo Optionen zum Kauf von rund zwei Mill. Quantum-Aktien und zirka eine Mill. Dollar für seinen Umzug. Da sein Bonus im ersten Jahr nicht garantiert ist, könnte die jährliche Barvergütung sogar geringer ausfallen.

Freiwilliger Gehaltsverzicht


Bei Microsoft hatte Belluzzo noch Mitte vergangenen Jahres rund 819 000 Dollar Jahresgehalt und Bonus verdient. Als er 1999 den Anstellungsvertrag unterzeichnete, hatte ihm der Softwaregigant zudem einen Bonus über 4,2 Mill. Dollar eingeräumt. "Ich habe nach einer Gelegenheit gesucht, die zu meinem gesamten Leben passt", sagt Belluzzo nun und lässt durchblicken, dass er durchaus noch lukrativere Angebote von größeren, komplexeren Firmen bekommen hatte.

Mag auch Belluzzo freiwillig auf das ganz große Geld verzichtet haben: Niedrigere Einstandskompensationen, Bezahlung ausschließlich über Aktien, kleinere Gehaltssprünge - das sind nur einige der Möglichkeiten, mit denen die Boards verstärkt spielen.

Deutsche Aufsichtsräte unter Druck


"Diese Instrumente werden früher oder später ihren Weg nach Deutschland finden", sagt Evers. Die Aufsichtsräte stehen hier zu Lande unter Druck: Im Juli trat das Transparenz- und Publizitätsgesetz (TransPuG) in Kraft. In ihm bekommt der so genannte Corporate-Governance-Kodex, der die Festlegung der Vorstandsbezüge detailliert regelt, quasi Gesetzeskraft.

Das TransPuG macht die Aufsichtsräte juristisch angreifbarer, sollten sie den Vorständen unangemessen hohe Gehälter gewähren. "Seitdem geht bei den Aufsichtsräten die Angst um, wegen Untreue zur Rechenschaft gezogen zu werden."

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