Bei ihrer letzten Olympia-Teilnahme fürchtet Hilde Gerg vor allem das Wetter: Die „wilde Hilde" mag Kontinuität

Bei ihrer letzten Olympia-Teilnahme fürchtet Hilde Gerg vor allem das Wetter
Die „wilde Hilde" mag Kontinuität

Hilde Gerg wird am Freitag als deutsche Fahnenträgerin bei der Eröffnungsfeier eine Hauptrolle spielen. In ihrer Karriere hat die 26-Jährige dagegen auf Glamour verzichtet und auf Beständigkeit gesetzt - auch bei der Kooperation mit Sponsoren.

Menschen aus den Bergen sind konservativ und bodenständig. Bei ihnen geht?s urig und zünftig zu. Und ihren Dialekt können und wollen sie nicht verleugnen. So weit das Klischee. Freilich stimmt es bisweilen. Im Falle der Hilde Gerg zum Beispiel. Daheim am Königssee bewohnt sie mit der halben Sippschaft ihres Mannes ein schmuckes Anwesen am Berg, das ortsunkundige Gäste in der Dunkelheit schon mal verfehlen können. Dann lotst die Skirennläuferin die Fremden telefonisch ans Ziel und rät vorsichtshalber, für die letzte Steigung mit dem Auto "doch besser Anlauf zu nehmen".

Derzeit ist Hilde wieder in den Bergen. Nicht im Berchtesgadener Land, sondern in der Snowbasin Ski Area. In und um Salt Lake City aber geht es nicht so konservativ und bodenständig zu wie in der Heimat. Olympia bedeutet Trubel. Und für amerikanische Gemüter sind Frauen, die mit mehr als 100 Stundenkilometern steile Abfahrten hinunterrasen, genau das Richtige. Gerg gehört zu den Besten ihres Genres, wie sie in der laufenden Saison mehrfach bewiesen hat. Und sie freut sich auf die Entscheidung am Montag. "Die Strecke ist anspruchsvoll, es wird wohl keinen absoluten Außenseitersieg geben", sagt sie im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Die "wilde Hilde" trägt die deutsche Fahne

Zuvor aber steht für Gerg ein anderer Höhepunkt auf dem Programm. Am Freitag Abend wird sie als Fahnenträgerin die deutsche Mannschaft bei der Eröffnungsfeier ins Stadion führen. Nicht nur deshalb aber schläft die "wilde Hilde" derzeit schlecht. Die witterungsbedingten Fragezeichen lassen Unruhe aufkommen. "Das Wetter hier ist unberechenbar, fast so wie vor vier Jahren in Nagano", bedauert die 26-Jährige. "Der Salzsee dampft, das Ganze bleibt schon mal an den Gipfeln hängen. Der Berg ist ganz schön gemein."

Das behagt ihr nicht. Sie mag eben Kontinuität. Beim Skifahren, aber auch sonst. Arbeitet seit neun Jahren mit der Liechtensteiner Vermarktungsagentur WWP zusammen, hat seit sieben Jahren den selben Kopfsponsor (Eismann Tiefkühlprodukte), ist seit fast sechs Jahren mit ihrem einstigen Trainer und heutigen Ehemann Wolfgang Grassl verbandelt und sieht nicht wirklich Gründe, an der bewährten Situation etwas zu ändern. "Ich lege Wert auf Zuverlässigkeit", betont sie und dankt allen, die diese Zuverlässigkeit bieten, mit Treue. Dass ihr Eismann einen Vertrag zu verbesserten Konditionen anbot, obwohl sie nach einer schweren Verletzung noch nicht wieder die Alte sein konnte, war für sie keine Selbstverständlichkeit.

Dass sie in all den Jahren zwar immer als erfolgreicher und netter Skiprofi in der Öffentlichkeit bekannt war, es aber dennoch nicht zu größeren Werbeverträgen langte, wirft sie ihren Vermarktern nur ganz dezent vor: "Die Zusammenarbeit ist gut. Aber es ist eben keine deutsche Agentur und sie hat daher nicht so die Kontakte zu deutschen Kunden." WWP führt allerdings mit Martin Schmitt auch einen anderen deutschen Star aus dem Wintersport in der Kundenkartei und ist mit ihm offenbar erfolgreicher.

Glanz und Glamour liegt ihr nicht

Bei Gerg führte der Olympiasieg im Slalom in Nagano nicht zu einem nennenswerten Schub, im Prinzip blieb alles wie gehabt. Ein paar Prämien mehr, die Verträge etwas aufgestockt - das war?s. Ihre Vermarkter ließen sich damals, um mehr Aufmerksamkeit zu wecken, sogar eine Fotosession unter Tage im Ruhrgebiet einfallen. Titel: "Golden Girl in Black and White". Half alles nichts. Gerg blieb immer die, die sie war. Eine Topverdienerin auf Grund ihrer sportlichen Leistungen und nicht wegen glamouröser Randgeschichten. Die Betroffene ist bei diesem Thema nüchtern und gar nicht aufgeregt: "Wir haben eine Zeit, in der Seriensieger gefragt sind. Helden, Dominatoren, Herminatoren."

Diese Bedingung konnte sie auf Dauer nicht erfüllen. Auch wegen Verletzungen. Als sie mit einem Beinbruch ausfiel und die sportliche Zukunft ungewiss war, zerbrach sie sich darüber nur bedingt den Kopf. "Es war zwar nicht leicht, weil ich oft in mitleidige Augen geschaut habe. Letztlich war diese Phase aber sogar eine schöne Zeit für mich. Ich habe viel gelernt und anderes kennen gelernt, mir überhaupt keinen Stress gemacht", blickt sie auf ihre unfreiwillige Auszeit zurück.

Als sie sich im Februar 2001 bei der Weltmeisterschaft in St. Anton mit einer Bronzemedaille zurückmeldete, war dies jedoch ein ganz besonderer Moment. "Ich bin damals nur für mich allein gefahren. Und ich werde es hier bei Olympia genauso halten", sagt Gerg, die im Frühjahr den mehr als 30 Zentimeter langen Nagel aus dem verletzten Bein entfernt bekommt. Danach wird es wohl noch eine weitere Weltcup-Saison und eine Weltmeisterschaft mit ihr geben, dann ist Schluss: "Salt Lake City werden definitiv meine letzten Olympischen Spiele sein."

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