Bei Neuemissionen greifen Investoren beherzt zu
Das Angebot an Anleihen aus Russland steigt

Erstmals seit der Finanzkrise 1999 will der russische Staat im nächsten Jahr wieder Eurobonds begeben. Auch russische Unternehmen zapfen den internationalen Anleihemarkt verstärkt an. Die Bonds in internationalen Währungen sind bei Investoren beliebt. Ein fallender Ölpreis könnte sie aber unter Druck bringen.

MOSKAU. Russlands Finanzminister Alexej Kudrin hatte gestern gute Nachrichten für die internationale Finanzgemeinde: Das Riesenreich will im kommenden Jahr erstmals seit der russischen Finanzkrise im Herbst 1998 wieder Eurobonds begeben. Eurobonds sind Anleihen, die in internationalen Anlagewährungen nach bestimmten Standards auf dem Kapitalmarkt platziert werden. Für 2004 plant Russland die Emission von Eurobonds über insgesamt 2,2 Mrd. $; 2005 sollen laut Kudrin weitere Eurobonds über 4 Mrd. $ folgen. In diesem und im nächsten Jahr sollen zudem Staatsanleihen in der russischen Währung über 250 Mrd. Rubel (ca. 7,7 Mrd. $) auf dem Heimatmarkt emittiert werden. Bis 2005 einschließlich will Russland zudem Auslandsverbindlichkeiten in Höhe von 32,3 Mrd. $ bedienen.

Die Verschuldung ist für Russland derzeit kein Problem: Die Gold- und Währungsreserven erreichten in der vergangenen Woche das Rekordhoch von 57,7 Mrd. $. Wegen des hohen Ölpreises gehen Experten davon aus, dass Russlands Haushalt zum dritten Mal in Folge Überschüsse ausweisen wird. Die OECD erwartet für dieses Jahr in Russland ein Wirtschaftswachstum von 5 % des Bruttoinlandsprodukts.

Wegen der Reformerfolge der letzten Jahre, aber auch mangels attraktiver Alternativen, suchen immer mehr Eurobond-Anleger die Papiere des russischen Staates und russischer Unternehmen. Vor kurzem begab der Gasgigant Gazprom mit 1,75 Mrd. $ den größten Eurobond eines börsennotierten Konzerns aus einem Schwellenland. Insgesamt haben russische Firmen mit Papieren für 5,2 Mrd. $ in den vergangenen sechs Monaten mehr als dreimal soviel Anleihen an internationalen Märkten platziert wie im Vorjahresvergleichszeitraum. Dabei waren die meisten Bonds mehrfach überzeichnet.

Die Emissionswelle hält an: Allein Gazprom will sich in diesem Jahr 4 Mrd. $ am Bondmarkt leihen. Auch die Fluggesellschaft Aeroflot, der Diamantenförderer Alrosa, der Aluminiumriese RusAl, der Pipeline-Monopolist Transneft oder der Molkereikonzern Wimm-Bill-Dann planen erstmals Eurobonds. Zudem wollen immer mehr kleinere russische Unternehmen den internationalen Bondmarkt anzapfen. "Der Markt russischer Eurobonds ist so heiß, dass auch Firmen der zweiten Reihe nun solche Anleihen wollen", sagt Chris Tuffey von der Investmentbank CSFB in London. "Viele US-Anleger, die seit der Russland-Krise 1998 sehr zurückhaltend waren, können nun auch nicht mehr ignorieren, dass sich dieser Markt so gut entwickelt hat, dass russische Papiere einfach inzwischen ein Muss sind."

Eurobonds sind für russische Unternehmen die beste Möglichkeit, langfristig und relativ günstig an Kapital zu kommen. Auf dem heimischen Rubel-Bond-Markt sind sie längst vertreten. Der wird aber mit umgerechnet 20,9 Mrd. $ zu 85 % von russischen Staatsanleihen in der Landeswährung dominiert.

Ob sich ein Einstieg in russische Eurobonds heute noch lohnt, ist umstritten. Russische Staatsanleihen bieten nur noch rund 3,40 Prozentpunkte mehr Rendite als US-Staatsanleihen. Russland, bisher der Liebling der Investoren von Schwellenländer- Bonds, war Ende März nach einer Umfrage von JP Morgan Chase bei 187 Vermögensverwaltern in der Gunst hinter Rumänien zurückgefallen. "Vier Jahre lang erlebten wir eine herausragende Rally. Es ist nun einfach die Frage, nimmt man das Geld und legt es woanders mit potenziell höherer Rendite an", meint Nima Tayebi, Fondsmanagerin bei Deutsche Asset Management. Grund für die Skepsis ist Analysten zufolge die Sorge, dass ein fallender Ölpreis Russland in finanzielle Bedrängnis bringen könnte. Dem gegenüber stehe aber die Hoffnung, dass nach der Wiederwahl von Präsident Wladimir Putin die Ratingagenturen die politische Stabilität Russlands so hoch bewerten, dass das Land endlich das lang ersehnte Rating innerhalb der Investitionsklasse bekomme. Bonds mit diesem Gütesiegel dürften auch Versicherungen und Pensionsfonds kaufen. Dann, so Florian Fenner von der Moskauer Investmentbank UFG, würden Nachfrage und Kurse russischer Eurobonds auf neue Hochs steigen.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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