Archiv
Bei Pflegeeltern fast verhungert: Schmerzensgeld

Für das Martyrium eines Jungen, der bei einer Pflegefamilie fast verhungert wäre, muss die verantwortliche Behörde in Baden-Württemberg 25 000 Euro Schmerzensgeld zahlen.

dpa KARLSRUHE. Für das Martyrium eines Jungen, der bei einer Pflegefamilie fast verhungert wäre, muss die verantwortliche Behörde in Baden-Württemberg 25 000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Das Jugendamt des Rems-Murr-Kreises habe seine Pflicht zur Überprüfung der Familie verletzt, entschied der Bundesgerichtshof (BGH) am Donnerstag.

Das Karlsruher Gericht bestätigte ein entsprechendes Urteil des Oberlandesgerichts (OLG) Stuttgart. Der damals achtjährige Junge war 1997 - nach dem Aufsehen erregenden Hungertod seines fünfjährigen Bruders - im Zustand extremer Unterernährung bei seiner Pflegefamilie gefunden worden; er wog knapp zwölf Kilogramm, rund die Hälfte eines normal entwickelten Achtjährigen. Der Kreis muss zudem für sämtliche künftigen Schäden des heute 15-Jährigen einstehen, die auf die Pflichtverletzung zurückzuführen sind. (Aktenzeichen: III ZR 254/03 vom 21. Oktober 2004)

Der Kreis war laut BGH spätestens 1994 für die Beaufsichtigung der Familie zuständig, nachdem sie 1993 aus dem bayerischen Hof nach Weinstadt-Beutelsbach im Rems-Murr-Kreis umgezogen war. Die Mitarbeiter des Jugendamts versäumten jedoch - im jahrelangen Zuständigkeitsgerangel mit den Kollegen in Hof - einen Antrittsbesuch bei der Familie. Dabei wären sie verpflichtet gewesen, "zeitnah Kontakt aufzunehmen, nicht nur zur Pflegefamilie, auch zum Pflegekind persönlich", sagte Wolfgang Schlick, Vorsitzender des III. Zivilsenats, bei der Urteilsverkündung.

Die Pflegeeltern hatten ihre insgesamt drei Pflegekinder durch Misshandlungen und Nahrungsentzug gequält und nur ihre drei leiblichen Kinder gut behandelt. Das Landgericht Stuttgart verurteilte sie 1999 wegen Mordes und Misshandlung von Schutzbefohlenen zu lebenslanger Haft. Die strafrechtlichen Ermittlungen gegen Verantwortliche des Jugendamts wurden dagegen eingestellt.

Laut BGH ist zudem davon auszugehen, dass die Jugendamtsmitarbeiter den erbärmlichen Zustand des Jungen bei einer pflichtgemäße Kontrolle hätte erkennen können. Das war in der Verhandlung vor einer Woche umstritten, weil die Pflegeeltern ihr verbrecherisches Tun offenbar geschickt zu verbergen wussten.

Nach dem Umzug nach Baden-Württemberg hatten sich die Verhältnisse in der anfangs intakten Familie zusehends verschlechtert. Die Mutter, ursprünglich getrieben von der Sehnsucht nach einer Großfamilie, habe sich zunehmend überfordert gefühlt, befand 1999 das Landgericht im Strafprozess: "Gekränkt in ihrem Selbstwertgefühl hat sie schließlich damit begonnen, mit Nahrungs- und Liebesentzug die Buben regelrecht zu dressieren, damit sie gehorchen."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%