Bei US Open kreuzen sich zwei gegensätzliche deutsche Tennis-Karrieren
Schüttler gegen Kiefer: Aufsteiger trifft Absteiger

Der Zeitpunkt ist denkbar ungünstig. "Es ist blöd, dass wir schon in der zweiten Runde gegeneinander spielen", sagt Nicolas Kiefer und bedauert, dass zwei der wenigen verbliebenen Deutschen sich bei den US Open in New York nun gegenseitig aus dem Weg räumen müssen.

NEW YORK. Fragt man ihn nach seinen zurückliegenden Duellen mit Rainer Schüttler, kann sich Kiefer nicht mehr an viel erinnern. Nur eines weiß er mit Sicherheit: "Gegen Rainer darf man nie aufgeben, der wird immer wieder aufstehen. Da muss man drauf, drauf, drauf." Der einst als neue Galionsfigur des deutschen Männertennis gefeierte Hannoveraner will im Duell gegen Schüttler beweisen, dass er für diese Taktik genügend Standfestigkeit besitzt. Nach einer langen Reihe von Misserfolgen, Enttäuschungen und Verletzungen sucht Kiefer nach einem Weg zurück in die Top Ten.

Schüttler dagegen kann eigentlich mit der Selbstsicherheit des Favoriten in das deutsch-deutsche Aufeinandertreffen gehen. Seit seinem Finalvorstoß bei den Australian Open zu Jahresbeginn hat sich der Mann aus Korbach fest als Nummer eins in Deutschland etabliert, im Champions Race liegt er auf dem sechsten Platz. Neben dem unbeständigen Kiefer wirkt Schüttlers stiller Aufstieg wie ein Investment in eine Staatsanleihe. Der Ertrag wächst langsam, aber stetig. In diesem Jahr erreichte er bereits elfmal mindestens das Viertelfinale. Derzeit richtet sich sein Blick auf einen der acht Plätze für die WM in Houston, für die er noch Punkte sammeln muss. Kiefer darf dafür nur eine Randnotiz sein, die schnell abgehakt wird.

"Das Match gegen Kiefer ist eines wie jedes andere", sagte Schüttler nach seinem Erstrundenspiel gegen den Australier Wayne Arthurs, das er nach Anlaufproblemen mit 4:6, 6:3, 6:2, 6:4 gewonnen hatte. Ein bisschen Prestige sei schon dabei, persönliche Animositäten spielen aber angeblich keine Rolle: "Wir kennen uns schon sehr lange, sind befreundet, respektieren uns und haben ein ziemlich normales Verhältnis." Jedenfalls, soweit das mit dem Sonderling Kiefer möglich ist. Zuletzt seien sie bei dem Turnier in Cincinnati gemeinsam Essen gegangen, sagt Schüttler, "aber er zieht sich schon sehr zurück." Um beschwichtigend anzufügen, es sei jedem selber überlassen, was er mache, "ich finde nichts Ungewöhnliches daran."

Auch die Statistik spricht für Schüttler. Seine letzte Niederlage gegen Kiefer liegt vier Jahre zurück. Kiefer ficht das nicht an, er sagt nur: "Niederlagen verdrängt man, an Siege erinnert man sich." Besonders voll kann sein Kopf somit in den vergangenen drei Jahren nicht gewesen sein. Zu selten hielten seine Leistungen auf dem Tennisplatz den Erwartungen stand. Der Fall von Platz vier der Weltrangliste im Januar 2000 war steil und tief, das eigene Image ruinierte er dabei gleich mit. Zwischendrin gab es zwar Phasen, die auf eine Wende zum Besseren hoffen ließen, doch stets waren sie von kurzer Dauer.

Als Beispiel kann Kiefers denkwürdiger Auftritt bei den US Open im vergangenen Jahr gelten. Viereinhalb Stunden wehrte er sich im Erstrundenmatch gegen den Russen Marat Safin, kurz vor dem Ende sah es so aus, als fiele er einfach um und würde liegen bleiben. Von Krämpfen in beiden Beinen geschüttelt, brachte er den Satz doch zu Ende. Eine Niederlage zwar, aber eine, aus der er Kraft hätte schöpfen können, Zuversicht für einen neuen Anlauf nach oben. Stattdessen beendete er das Jahr nach einer Reihe früher Misserfolge als 71. der Welt. Derzeit ist der Holzmindener auf Rang 55 im Champions Race notiert.

Mittlerweile, sagt Kiefer wieder einmal, sei alles anders geworden: "In den vergangenen sechs Wochen habe ich in Amerika viele Matches gewonnen, ich bin stabiler geworden und habe wieder einen Spielplan." Er fühle sich stärker und aggressiver. Ob das mehr ist als ein frommer Wunsch, darüber lässt sich bislang spekulieren. Der Turnierauftakt in New York gestaltete sich für Kiefer problemlos. Sein argentinischer Kontrahent Franco Squillari kam beim Spielstand von 6:3 und 5:0 für Kiefer herüberspaziert und gab dem Deutschen die Hand - Aufgabe wegen Verletzung. "Ich bin kaum in den Rhythmus gekommen", sagte Kiefer hernach, "aber wenigstens habe ich Kraft gespart."

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