Bei Versicherungen ist Geduld angesagt
Hürden bei der IT-Auslagerung

Nachdem die Banken beim IT-Outsourcing vorgeprescht sind, werden jetzt die Versicherungen folgen. Dessen sind sich Branchenkenner sicher. Doch sie warnen auch vor zu großen Erwartungen der IT-Firmen.

"Im Gegensatz zu den Banken ist die Auslagerung von IT-Aufgaben bei Versicherungen wesentlich komplizierter", sagt Joachim Schrey, Anwalt und IT-Spezialist bei der internationalen Sozietät Clifford Chance Pünder. Die Versicherer stecken in einer Zwickmühle. Sie stehen vor ähnlichen Problemen wie viele Banken. Die Kosten sind zu hoch, die Margen sinken und die Börsenkrise hat Wertberichtigungen in Milliardenhöhe notwendig gemacht. "Der Druck ist vorhanden. Das Thema IT-Outsourcing steht bei allen Versicherungen ganz oben auf der Agenda", sagt Anwalt Schrey.

"Wir spüren ein wachsendes Interesse der Assekuranz am Thema IT-Outsourcing", bestätigt Friedrich Löer von IBM Global Service, der Dienstleistungssparte von IBM. Auch sein Kollege Herbert Hielscher vom IT-Dienstleister T-Systems berichtet von Outsourcing-Anfragen, die "immer häufiger aus der Versicherungswirtschaft an uns gerichtet werden".

Allerdings gibt es mehrere Hindernisse, die einer raschen Auslagerung der Informationstechnologie im Wege stehen. Eines ist der geringe Standardisierungsgrad in der Branche. "Im Gegensatz etwa zu den Banken nutzen die Versicherungen noch viel mehr selbstentwickelte Programme. Das erleichtert das Outsourcing in dem Bereich nicht unbedingt", sagt IBM-Manager Löer.

Problem: Datenweitergabe

Eine weitere Hürde ist der Paragraph 203 des Strafgesetzbuches. Er verbietet die Weitergabe persönlicher Daten an Fremde und bezieht sich unter anderem ausdrücklich auf "Angehörige eines Unternehmens der privaten Kranken-, Unfall- oder Lebensversicherung". "Daran sind in der Vergangenheit bereits Outsourcing-Vorhaben gescheitert", sagt Anwalt Schrey. "Dieser Paragraph wird in der Tat häufig als Hindernis beim Outsourcing gesehen", sagt auch Hielscher von T-Systems.

Die Möglichkeiten, das Problem zu umgehen, sind begrenzt. Zwar kann die Versicherung bei den Kunden grundsätzlich das Einverständnis einholen, die Daten weiterzugeben - bei neuen Verträgen ist das noch recht leicht zu bewerkstelligen, beim Altbestand aber kaum möglich. "Es gibt immer Kunden, die auf solche Schreiben nicht reagieren. Damit ginge die Versicherung das Risiko ein, dass ihr Outsourcing-Vertrag im Streitfall vom Gericht für unwirksam erklärt wird", sagt Schrey.

Die IT-Dienstleister haben das Problem erkannt. "Wir arbeiten bereits an Lösungen", sagt Löer von IBM. Dabei handele es sich um ein Paket aus technischen und organisatorischen Maßnahmen, das verhindert, dass Unberechtigte Einblick nehmen können.

Ganz ähnlich geht die Telekom-Tochter T-Systems vor. "Wir haben Lösungsansätze entwickelt, die den Paragraphen 203 wahren und gleichzeitig Outsourcing ermöglichen. Diese Modelle können technisch oder organisatorisch ausgelegt sein", sagt Hielscher.

Der Aufwand der IT-Unternehmen ist verständlich, locken in der Versicherungsbranche doch lukrative Aufträge. Die meisten Assekuranzen betreiben ihre Informationstechnologie noch weitgehend in Eigenregie. Selbst den juristisch weniger sensiblen Betrieb der Rechenzentren haben nur wenige Unternehmen an Dienstleister gegeben. Ausnahmen sind hier Axa und LV 1871. "Allgemein wird für 2004 von einem Marktpotenzial für IT und Telekommunikation von etwa drei Milliarden Euro im Versicherungs-Segement ausgegangen", sagt Hielscher von T-Systems.

Handelsblatt Nr. 210 vom 31.10.03 Seite 16

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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