Bei vielen Unternehmensanleihen Vorsicht geboten
Strategen setzen jetzt auf sichere Anleihen

Volkswirte sind einig, dass die eigentlich für das vierte Quartal erwartete leichte Konjunkturerholung erst im nächsten Jahr kommen wird. Deshalb werden derzeit bei Anleihen vor allem als sicher geltende Papiere mit sehr guter oder guter Bonität empfohlen. Bei Unternehmensanleihen ist dagegen zunächst Vorsicht angesagt.

FRANKFURT/M. Nicht nur bei Aktien, sondern auch bei vielen Unternehmensanleihen, ist derzeit Vorsicht geboten. "Wir gehen im Prinzip davon aus, dass alle Bonds, die unterhalb von AA bewertet sind, noch weiter verlieren werden", sagt Matt King, Kreditstratege bei JP Morgan in London. Damit meint er Anleihen, deren Kreditwürdigkeit von den Ratingagenturen Standard & Poor?s und Moody?s geringer als mit der Einstufung "AA" bewertet wird. Das so genannte "Double-A" ist nach "Tripple-A" die zweitbeste Einstufung, die die Agenturen vergeben und bescheinigt den Bonds hohe Qualität.

Auto- und Telekomanleihen haben deutlich verloren

Die Gründe für die aktuelle Vorsicht liegen auf der Hand: Die ohnehin schon schlechten Wirtschaftsaussichten für die USA und auch für die Eurozone haben sich nach den Terroranschlägen gegen die USA am 11. September noch weiter verschlechtert. Ökonomen gehen jetzt davon aus, dass eine für das vierte Quartal erwartete vorsichtige Konjunkturerholung erst im kommenden Jahr einsetzen wird.

Unter der Unsicherheit leiden die Aktienbörsen dramatisch, und auch die Kurse von Unternehmensanleihen haben sich arg verschlechtert. So stiegen die Renditeaufschläge von Telekombonds gegenüber Bundesanleihen seit den Anschlägen um etwa 0,65 Prozentpunkte. Die Risikoaufschläge von Autoanleihen schnellten um etwa einen Prozentpunkt nach oben. In beiden Branchen gibt es nur Bonds, die schlechter als "AA" bewertet werden.

Die Risikoaufschläge werden voraussichtlich noch weiter steigen und die Kurse damit weiter sinken. Zum Einstieg ist es daher noch zu früh. Auch John Butler, Leiter des Debt Researchs bei Dresdner Kleinwort Wasserstein (DKW) ist für die kommenden zwei Monate "extrem vorsichtig".

Wenn schon professionellen Investoren jetzt keine risikoreichen Bonds empfohlen werden, sollten Privatanleger, die eine schlechtere Übersicht über den Markt haben, erst Recht vorsichtig sein. Ohnehin empfehlen Strategen privaten Investoren meist nur Bonds zu kaufen, die innerhalb der Investmentklasse eingestuft werden, die bei der Note "BBB-" endet. Im Moment gilt jedoch für Helmut Kaiser, Leiter Anlagestrategie Renten der Deutschen Bank, für Privatanleger "mehr denn je die Maxime nur auf sichere Anleihen zu setzen". Dabei denkt er vor allem an liquide Staatsanleihen und Pfandbriefe. Bei Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit seien die Renditen jedoch schon zu stark gefallen, um lohnend zu sein. Zweijährige Papiere bieten derzeit eine Rendite von nur etwa 3,5 %.

Besser sind Pfandbriefe mit Laufzeiten zwischen zwei und fünf Jahren, sagt auch Steffen Schiedewitz, Anlagestratege bei der Commerzbank. In puncto Sicherheit stünden die mit Hypotheken oder Krediten an die öffentliche Hand gesicherten Papiere gerade aus Sicht der Privatanleger den Staatsanleihen in nichts nach. Dennoch bieten Pfandbriefe je nach Laufzeit zwischen 0,25 und 0,40 Prozentpunkten mehr Rendite als Staatsanleihen.

Anleger, die bei etwas höherem Risiko noch mehr Rendite haben wollen, können auch auf Unternehmensanleihen innerhalb der Investmentklasse zurückgreifen. Für Claudia Hopstein, Kreditanalystin bei HSBC, sind dabei die Auswahl der Branche und der einzelnen Unternehmen wichtiger als ein Rating von mindestens "AA". Sektoren mit defensivem Charakter wie Versorger, Pharma oder Lebensmittel-Einzelhandel seien auch bei Rezessionstendenzen relativ ungefährdet. Für empfehlenswert hält sie zum Beispiel Anleihen von Metro, Unilever oder Aventis. Bei Auto- und Telekombonds sehe es dagegen schon aus technischer Sicht schlecht aus. Denn die liquidesten Segmente im Bondmarkt seien naturgemäß am meisten betroffen, wenn es weiter hieße: "Raus aus Unternehmens- und rein in Staatsanleihen." Fundamental stünden Telekom - allerdings deutlich besser da als Autobonds.

Am Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres könnte sich laut Experten aber auch der breitere Einstieg in Unternehmensanleihen wieder lohnen. Obwohl die politische und wirtschaftliche Entwicklung nach den Anschlägen auf die USA weiterhin sehr unsicher ist, wird davon ausgegangen, dass sich die Konjunktur im nächsten Jahr wieder erholen wird. So rechnet JP Morgan mit einem leichten Anziehen im ersten und einem deutlicheren im zweiten und dritten Quartal 2002. Dies sollte Unternehmensbonds beflügeln.

Auswahl der Branche wichtig

Butler von DKW sieht auf längere Sicht vor allem die Nachfrage nach Corporate Bonds wieder anziehen. Ein Grund: Wenn die Renditen der Staatsanleihen im Zuge der Rezessionsszenarien noch weiter fallen sollten, müssten professionelle Investoren, die bestimmte Renditeziele haben, auf Unternehmenspapiere zurückgreifen. Zusammen mit dem wegen der Krise erwarteten geringeren Angebot neuer Unternehmensanleihen, sollte dies den Kursen helfen.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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