Beim 3:0-Erfolg gegen Belgien offenbart die deutsche Nationalmannschaft, wie sie bei der EM zum Erfolg kommen will
Strategie des Machbaren

Andreas Wenzel ist schon von Berufs wegen nicht unbedingt zur Objektivität verpflichtet. Bei Länderspielen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft arbeitet Wenzel als Stadionsprecher, und als solcher hat er allein die offizielle Verbandssicht zu vertreten.

KÖLN. Als nach dem 3:0 gegen Belgien am Mittwoch in Köln das Freistoßtor von Dietmar Hamann zum 2:0 noch einmal auf den Videowänden gezeigt wurde, sagte Wenzel: "Genau seine Ecke. Flach und Aufsetzer."Allerdings lobte er anschließend auch das "super Publikum", was endgültig auf entweder massive Wahrnehmungsstörungen oder eine tief empfundene Loyalität zu seinem Auftraggeber hindeutete.

In Wirklichkeit war es nämlich so gewesen, dass die Kölner Zuschauer meistens vielsagend schwiegen, den heimischen FC feierten oder den Lokalrivalen aus Leverkusen schmähten - und dass Hamann in der 55. Minute nicht die geringsten Schwierigkeiten hatte, den Ball ins Tor der Belgier zu schießen. Die gegnerischen Abwehrspieler befanden sich noch im Frühstadium des Mauerbaus, der Torwart stand in der anderen Ecke, und das einzige Hindernis auf dem Weg zum Tor war der holländische Schiedsrichter. Gott sei dank, "er ist da noch schnell weggesprungen", sagte Rudi Völler.

Der Teamchef der deutschen Mannschaft wertete das Tor nicht nur als Beleg für Hamanns Schlitzohrigkeit, sondern auch als Ausdruck einer besonderen Qualität des Mittelfeldspielers. "Er ist nicht umsonst ein bisschen Stratege auf dem Feld", sagte Völler. Anderswo mögen Strategen noch jene charismatischen Führungskräfte sein, die die großen Linien des Spiels bestimmen. In der deutschen Mannschaft hingegen wird schon seit einiger Zeit vor allem eine Strategie des Machbaren verfolgt. Kaum je war das besser zu beobachten als im Testspiel gegen Belgien.

Die deutsche Nationalmannschaft ist inzwischen wie ein findiger Anwalt, der immer wieder eine Lücke im Gesetz entdeckt. Bei der WM 2002 kamen die Deutschen ins Finale, weil sie den Zweck des Spiels von den Füßen auf den Kopf gestellt hatten: Die Deutschen gewannen nicht, weil sie mehr Tore schossen als ihr Gegner, sondern weil sie weniger kassierten, dank ihrem Torhüter Oliver Kahn meistens gar keins. Gegen Belgien offenbarte Völlers Mannschaft jetzt, wie sie in zehn Wochen bei der Europameisterschaft zum Erfolg zu kommen gedenkt - notfalls durch Tore nach Ecken oder Freistößen. "Die zählen genauso wie die anderen Tore", sagte der Teamchef.

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