Beim Ausquetschen macht sich Geduld bezahlt
Barabfindung kann gerichtlich überprüft werden

Wenn bekannt wird, dass Minderheitsaktionäre aus einer Gesellschaft "herausgekauft" werden sollen, gehen die Kurse meistens spontan in die Höhe, sacken jedoch genauso schnell wieder ab. Ein Verkauf lohnt nur selten - in den meisten Fällen bekommen die Aktionäre durch Abfindungen mehr.

mv DÜSSELDORF. Einen deutlichen Sprung machte der Kurs der Hapag-Lloyd-Aktie Mitte Mai: Von deutlich unter 1 300 Euro auf fast 2 200 innerhalb nur eines Tages. Der Grund: Mehrheitsaktionär Preussag hatte mitgeteilt, dass die verbliebenen freien Aktionäre, die noch 0,4 % der Hapag-Lloyd-Anteile halten, mit 2 178,57 Euro je Aktie abgefunden werden sollen. Innerhalb eines Tages stieg auch der Kurs der Kindl-Brauerei von 200 auf über 210 Euro. Zuvor hatte die Berliner Binding-Brauerei verkündet, den Aktionären, die noch mit insgesamt 3,01 % am Kapital der Kindl-Brauerei beteiligt sind, 208,03 Euro für eine Aktie anzubieten.

Seit Beginn des Jahres können Mehrheitsgesellschafter, die mehr als 95 % eines Unternehmens halten, verlangen, dass die Minderheitsaktionäre herausgekauft werden. "Squeeze-out" - Herausquetschen - heißt das Verfahren, das mit dem Übernahmegesetz Einzug in das deutsche Aktienrecht gehalten hat. Seitdem steht es auf den Programmen vieler Hauptversammlungen in diesem Jahr. Prominenteste Fälle: Die Allianz, mit 97 % Mehrheitsaktionär der Dresdner Bank, bietet den Bank-Aktionären 51,5 Euro pro Aktie. Vodafone will die verbliebenen 0,6 %-Aktionäre des früheren Mannesmann-Konzerns mit 217,50 Euro je Papier herauskaufen. Und auch bei Aventis, zu 97 % an der Hoechst AG beteiligt, rechnet man bereits, wieviel den Aktionären als Abfindung angeboten werden soll.

Einige "als anfechtungsfreudig bekannte Aktionäre" haben bereits angekündigt, "Squeeze-out"-Beschlüsse der Hauptversammlungen unter Berufung auf verfassungsrechtliche Bedenken anzufechten, sagt der Düsseldorfer Rechtsanwalt Andreas Austmann von der Sozietät Hengeler Mueller. Dies sei jedoch "sachlich falsch", denn das Bundesverfassungsgericht habe den zwangsweisen Ausschluss von Minderheitsaktionären bereits im sogenannten Moto-Meter-Beschluss als zulässig bezeichnet. In dem Fall ging es um die Abfindung von Kleinaktionären bei der Auflösung einer Gesellschaft, deren Kapital auf eine andere übertragen wird. Der Gesetzgeber hat bei der Begründung der "Squeeze-out"-Regelung auf diesen Beschluss verwiesen.

Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) will die Beschlüsse nicht anfechten, wohl aber die Abfindungen in einem späteren Spruchstellenverfahren überprüfen lassen, wenn sie zu niedrig erscheinen. Bei den bisherigen Fällen lagen die angebotenen Abfindungen zwar meist über dem von den Gutachtern der Mehrheitsaktionäre errechneten Wert, sagt Marc Tüngler von der DSW. Das bedeute jedoch nicht, dass die Angebote in Ordnung seien: So fühlten sich erst kürzlich die verbliebenen 2,29 % Streubesitzaktionäre der Otto AG-Reichelt über den Tisch gezogen, weil sie mit nur 5,63 Euro pro Aktie abgefunden werden sollten. Grund der Empörung: Die Abfindung liegt unter dem durchschnittlichen Börsenkurs der letzten drei Monate. Der Bundesgerichtshof hatte im Streit DAT/Altana entschieden, dass für die Abfindungen von Aktionären bei Gewinnabführungs- und Beherrschungsverträgen ein dreimonatiger Referenzzeitraum des Börsenkurses maßgeblich sei. Zuvor hatte das Bundesverfassungsgericht erklärt, dass der Börsenkurs bei Abfindungen nicht "außer Acht" gelassen werden dürfe. Experten erwarten, dass sich diese Rechtsprechung auch für die Abfindungen beim "Squeeze-out" durchsetzt.

Viele Minderheitsaktionäre haben allerdings nicht die Geduld, auf die Abfindungssumme und deren mögliche Korrektur zu warten, sagt Tüngler von der DSW. Wenn das "Squeeze-out" drohe, so seine Beobachtung, verkaufen viele Aktionäre ihre Papiere über die Börse. Damit aber gäben sie die Chance auf, durch eine Abfindung mehr zu bekommen als durch den Verkauf. Denn wer es nicht schaffe, sofort den spontanen Kursanstieg zu nutzen, werde oft weniger herausholen als die Abfindungssumme.

Der Kurs der Aktien sackt meistens schnell wieder ab, wenn die Nachricht über einen geplanten "Squeeze-out" erst einmal in der Welt ist: So stieg auch der Kurs der Goldschmidt-Aktie zunächst von unter 28 Euro auf mehr als 35 Euro, als der Squeeze-out durch die Mehrheitsaktionärin Degussa AG bekannt wurde, fiel jedoch genauso schnell wieder und notiert inzwischen bei knapp 27 Euro. Degussa hat den Goldschmidt-Aktionären eine Barabfindung von 25,23 Euro je Anteilschein angeboten.

Quelle: Handelsblatt

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