Beim Curling sind Präzision und eine dicke Haut gegen dumme Bemerkungen gefragt
Wienern, mehr wienern

5,6 Millionen Deutsche schauten im Fernsehen der Übertragung eines Curling-Spiels zu. Es muss also was dran sein an diesem drolligen olympischen Wettbewerb.

SALT LAKE CITY. Der Mittfünfziger schaut bedröppelt drein. Hatte sich als freiwilliger Helfer für die Olympischen Winterspiele gemeldet und darauf gehofft, bei den alpinen Skiwettbewerben eingesetzt zu werden. Oder zumindest beim Skispringen oder Bobfahren. Oder bei den Snowboardern. Wo auch immer. Jetzt steht er hier in einer Eishalle in Ogden, mehr als 50 Kilometer von Salt Lake City entfernt, und schaut seit mehreren Tagen zu, wie Frauen und Männer fast 20 Kilogramm schwere Steine über den kalten Untergrund schieben. "Ich bin gestraft durch diese Curling-Spieler", klagt er sein Leid. "Das ist ein Gentleman-Sport, etwas für Briten oder Franzosen. Nicht aber für uns Amerikaner. Wir brauchen einen Ball und viel mehr Action."

Dumm gelaufen. Denn diese Olympia-Teilnehmer da unten auf den vier Eisbahnen können nicht mit Bodychecks wie beim Eishockey dienen, nicht mit rasanten Kurvenlagen wie beim Eisschnelllauf, nicht einmal mit einem Doppelaxel wie beim Eiskunstlaufen. Sie schrubben, schrubben, schrubben. Mit Freude, denn sie lächeln sogar nach Niederlagen. "Warum um Himmels Willen hat meine Frau nicht so viel Spaß am Schrubben?" grinst ein männlicher Zuschauer. Gut gescherzt, alter Macho.

Mit dummen Sprüchen kennen sich Curling-Spieler bestens aus, sie gehören zu ihrer Sportart wie der Besen. Olympia in Salt Lake City, so hoffen zumindest die Deutschen, könnte dazu beigetragen haben, dass das Interesse und damit das Verständnis für die drollige Sportart zugenommen haben. ARD und ZDF, die teilweise live übertrugen, vermeldeten erstaunlich hohe Einschaltquoten. Einmal waren es 5,6 Millionen Menschen, die zuschauten. Mehr als zur gleichen Zeit bei "Alarm für Cobra 11", der erfolgreichen RTL-Serie über Autobahnpolizisten. Die gehen allerdings nächste Woche wieder auf Sendung, während die beiden deutschen Curling-Teams die Halbfinalspiele verpassten und vermutlich schnell in die Anonymität von Riessersee und Füssen zurückkehren - bis zu den nächsten Winterspielen.

TV-gerechter Sportwettkampf

Zurückgeführt wird der Bildschirmerfolg der Randsportart vor allem darauf, dass die Spiele TV-gerecht aufbereitet werden. Die Hauptdarsteller sind verkabelt, ihre Gespräche für die Zuschauer zu hören und damit taktische Überlegungen nachvollziehbar. Dass während eines zweieinhalbstündigen Matches nicht viel passiert, stört offenbar nicht weiter. Spannend ist es vielleicht auch deshalb, weil viele sich an ihr letztes Boccia-Spiel im Sommer am Strand von St. Peter-Ording erinnern - war nur nicht so kalt. In der Halle selbst wurden dennoch des öfteren gähnende Augenzeugen gesichtet. Hallo wach, wir sind bei Olympia.

In Kanada gähnt niemand. Dort ist Curling schwer beliebt, und 1988 bei den Winterspielen in Calgary war der damalige Demonstrationswettbewerb schneller ausverkauft als fast alle olympischen Sportarten. Die Ahornblatt-Nation mag die Sportart, in der man in der Regel nicht ins Schwitzen gerät - jedenfalls nicht durch körperliche Beanspruchung. Selbst Fachausdrücke wie Burned Rock, Hog Lines oder Keen Ice sind dort vertraut. Hören sich an wie die Anglizismen der Snowboarder - beim Curling aber geht es viel gesitteter zu.

Okay, sie rufen und schreien schon mal durch die Gegend, um den Mitschrubbern Anweisungen zu geben. Mehr wienern, weniger wienern, gar nicht wienern. Je mehr gewienert wird, desto wärmer wird es den Aktiven, von denen einige - waren es nicht Winterspiele? - doch tatsächlich im kurzärmeligen Hemd an den Start gehen. Besteht vielleicht doch die Gefahr, dass Schweiß austritt?

Das Regelement ist vielen noch ein Rätsel

Schrubben, schrubben, schrubben. Die Show wirkt etwas eintönig für die meisten der 1 500 Zuschauer in der Halle, zumal sie die Regeln nicht kennen. Auch jener freiwillige Helfer, der lieber woanders eingesetzt worden wäre und nun hier zuschauen muss, vermag nicht viel über das Reglement zu sagen: "Sorry, ich verstehe das alles nicht." Er ist keine Ausnahme.

Was zur Folge hat, dass bisweilen Applaus aufbrandet, obwohl die Aktion alles andere als gelungen war. Sicherheitshalber blenden sie auf einer Leinwand "Great Shot", "Nice Shot", "What a Shot" oder "Fabulous" ein, damit die Trefferquote beim Klatschen höher ausfällt. Hilfsbereit sind sie ja, die amerikanischen Gastgeber.

Und jederzeit zu Spott bereit. Warum, so fragte die Zeitung USA Today, musste man ausgerechnet Bowling mit gefrorenen Hähnchen zur olympischen Sportart machen? Als eine Spielerin des US-Teams den Journalisten zu einer Schnuppereinheit einladen wollte, um ihn von der Faszination des Curlings zu überzeugen, antwortete er: "Tut mir Leid. Schaue lieber meiner Haushälterin zu, wie sie die Garage ausfegt." Noch so ein Macho, und was für einer.

Konzentration und Präzision sind entscheidend

Dabei ist der Vergleich mit dem Bowling gar nicht abwegig. Es sind ähnliche Qualitäten gefragt in beiden Sportarten, nur dass der Bewegungsablauf der Curler noch ungesunder fürs Knie sein dürfte. Auf Konzentration und Präzision kommt es an, und das geschlagene zweieinhalb Stunden. Zwischendurch gibt es jedoch eine kurze Pause, in der ein Mann aufs Eis marschiert. Sieht aus wie ein Hausmeister, der die Blumenbeete mit Pflanzengift besprüht. Ist aber wohl nur Wasser.

Dann schrubben sie wieder. Für sich, für Olympia. Für alle Machos. Doch Vorsicht: Curling-Besen sind auch anderweitig einzusetzen.

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