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Beim Finanzamt macht es Klick

Der Tag der Arbeit ist überstanden, haben sich viele Schweden gesagt, und dabei konnte man sogar ein erleichtertes Seufzen hören. In diesem Jahr bekam der Tag eine Bedeutung, die sich die Erfinder so wohl nicht gedacht hatten: Millionen Schweden schwitzten am 1.

Der Tag der Arbeit ist überstanden, haben sich viele Schweden gesagt, und dabei konnte man sogar ein erleichtertes Seufzen hören. In diesem Jahr bekam der Tag eine Bedeutung, die sich die Erfinder so wohl nicht gedacht hatten: Millionen Schweden schwitzten am 1. Mai missmutig vor Formularen, brüteten und tüftelten, wie sie denn den Fiskus doch noch um ein paar Kronen besch...... Lassen wir das und widmen wir uns lieber der angenehmen Seite der Steuererklärung.

Sie galt es nämlich, bis spätestens 2. Mai, 24 Uhr beim Finanzamt eingereicht zu haben. Angenehm ist diese Tätigkeit nie, doch in Schweden, wo Datenschutz und persönliche Integrität nicht sonderlich groß geschrieben werden, hat die "gläserne Gesellschaft" auch ihre Vorteile: Wer ehrlich war und bleiben will, musste eigentlich nur seine Unterschrift unter das vierseitige Steuerformular setzen. Denn die klugen Computer beim Finanzamt haben sich bereits alle wichtigen Angaben beschafft und fein säuberlich eingetragen: die Gehaltsangaben vom Arbeitgeber, den Kontostand von der Bank, ja selbst eventuelle Aktiengeschäfte vom Börsenmakler. Es fehlte nichts. Eine Unterschrift, und die Sache ist erledigt.

Nun wäre Schweden nicht Schweden, wenn es da nicht noch ganz andere Lösungen geben würde. Klar, in dem Land, in dem man noch immer stolz auf die Adelung von keinem geringeren als Bill Gates ("Stockholm ist das Mobile Valley dieser Welt") ist, kann man seit 2002 die eigene, aber vom Finanzamt ausgefüllte Steuererklärung im Internet überprüfen und mit einem Mausklick akzeptieren. Ein Jahr später wurde den neuen Technologien immer aufgeschlossenen Schweden sogar gestattet, Korrekturen in dieser vom Finanzamt erstellten Steuererklärung vorzunehmen. Der vorläufige Höhepunkt kam im vergangenen Jahr, als die fertig ausgefüllte Steuererklärung per SMS akzeptiert werden konnte. Ein Daumenklick, und der Tag der Arbeit hätte für die stille Andacht oder das deutlich weltlichere Vorbereiten der vielen Motor- und Segelboote für die Saison genutzt werden können.

Aber da ist der eigene Eifer davor, der Eifer, vielleicht doch noch etwas zu finden, was sich abziehen ließe. Bei Spitzensteuersätzen von deutlich mehr als 50 Prozent kann das ein lohnendes Geschäft sein. Also saßen wieder Millionen Schweden und brüteten.

Wie viele von ihnen tatsächlich die elektronischen Superhirne der Steuerbehörde überlisten konnten ist nicht verbrieft, doch eines ist sicher: Am Montag, dem 2. Mai, verweigerten die Computer ihren Dienst. Wer sich beim zuständigen Finanzamt einloggen wollte, bekam die Mitteilung, das System sei hoffnungslos überlastet. Man habe mit einem solchen elektronischen Ansturm nicht gerechnet, hieß es entschuldigend beim Finanzamt, die Rechner seien für 5000 Steuererklärungen pro Stunde ausgelegt, doch in den Spitzenzeiten kurz vor Ablauf der Frist sei diese technische Begrenzung um ein Vielfaches überschritten worden.

Die ansonsten üblichen drakonischen Geldstrafen bei zu spät eingereichten Steuererklärungen würden zunächst nicht erhoben werden, wurden beunruhigte Schweden beschwichtigt. Glück gehabt also, und einen weiteren Tag zum Tüfteln.

Bis zum kommenden Jahr, so das Versprechen, würden die Serverkapazitäten ausgebaut, um den Ansturm besser parieren zu können. Was werden dann nur all die vielen Finanzbeamten machen, die bislang noch manuell die Steuererklärungen bearbeitet haben? Der verantwortliche Staatsdiener bei der Steuerbehörde macht sich keine Sorgen. Die Arbeitsplätze seien nicht in Gefahr, man werde künftig einfach mehr Zeit für Kontrollen haben, sagte er im Fernsehen und man meinte, ein süffisantes Grinsen in seinem Gesicht zu entdecken. Aber vielleicht ist diese Wahrnehmung nur Zeichen eines schlechten Gewissens...

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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