Beim größten Energie-Makler der USA sind Milliarden aus der Bilanz verschwunden
Der Fall Enron lässt noch viele Fragen offen

Die Technologie-Blase ist längst geplatzt. Doch das Phänomen, dass der steile Kursanstieg einer Aktie Analysten blind macht und Insider zur persönlichen Bereicherung verführt, ist offenbar geblieben. Jüngstes Beispiel ist der Aufstieg und Fall der Enron-Aktie.

NEW YORK. Die Enron Corp. aus Houston/Texas ist der größte Strom- und Gashändler der USA, ein Konzern der vor allem auch von den steigenden Energiepreisen profitierte. Die Aktie ist nach einem Höhenflug im Vorjahr allein in der vergangenen Woche um 50 % gefallen, nachdem die Wertpapieraufsichtsbehörde SEC genaueres über verschwundenes Eigenkapital in Höhe von 1,2 Mrd. $ wissen wollte. Ein Posten, der Analysten zunächst gar nicht aufgefallen war, obwohl die Beteiligungen des Konzerns schon seit langem Fragen offen ließen.

Einen Verlust von 618 Mill. $ hatte Enron vor zehn Tagen gemeldet. Grund: Der Konzern musste Fehlinvestitionen für High-Tech-Abenteuer von etwa 1 Mrd. $ abschreiben. Damit hatten Investoren gerechnet, die Aktie stieg zunächst noch. Doch keiner außer der SEC hatte erfasst, dass zusätzliche 1,2 Mrd. $ aus der Bilanz verschwunden sind, ohne dass diese Zahlen in der Gewinn- und Verlustrechnung auftauchten. Enron hatte die Bilanz nämlich gar nicht veröffentlicht, die zusätzlich verlorenen 1,2 Mrd. $ hatte Vorstandschef Kenneth Lay nur in einem Nebensatz erwähnt. Analysten glaubten, er spreche von dem bekannten Posten in der G + V.

In der Bilanz aber ist die Position "Eigenkapital" wundersam geschrumpft. Offenbar haben Top-Manager des Konzerns teure Enron-Aktien gegen wertlose Beteiligungen getauscht und sie später zu weit niedrigeren Kursen wieder zurückerworben. Entsprechende Kursverluste müssen nach US-Recht bei konzern-eigenen Aktien nur unter bestimmten Voraussetzungen nicht in die Gewinn- und Verlustrechnung einbezogen werden. Vor allem der bisherigen Finanz-Chef Andrew Fastow hatte Enron-Aktien gegen Beteiligungen an Kraftwerksbauten und andere Technologie-Projekte eingetauscht und zurückgetauscht. Die mangelnde Transparenz sei schon lange ein Markenzeichen bei Enron, notiert David Fleischer, Analyst bei Goldman Sachs. Dennoch hat er die Aktie noch auf seiner Kaufliste. Erst Ende vergangenen Woche empfahlen weitere 9 von 17 Enron-Analysten das Papier zum Kauf, berichtet das Wall Street Journal, das an der Aufdeckung des Falls wesentlich beteiligt war.

Den Schaden haben die Investoren: Die Enron-Aktie sackte von 83 $ zu Beginn 2001 auf rund 15 $. Vorstand Ley hatte noch rechtzeitig Papiere im Wert von 25,7 Mill. $ abgestoßen. Und sein entlassener Finanzchef Fastow hat Millionen an Vermittlungsgebühren verdient.

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