Beim Namen Schröder ist schnell „12 Uhr Mittags“ angesagt
Oppositionschef honoris causa

Am Ende rutscht ihm das Wort heraus: "Mörderisch" sei er, der Wahlkampf. "Ich meine damit nur, dass er so anstrengend ist." Hätte das denn irgendjemand überhaupt anders verstehen können? Womöglich gar als eine Art tödliches "Du oder ich"-Duell zwischen Edmund Stoiber und Gerhard Schröder?

MÜNCHEN. Edmund Stoiber scheint selber etwas erschrocken, als da irgendetwas in ihm vor 4 000 Anhängern in der Münchener Olympiahalle seinen Kampf gegen Schröder so auf den Punkt bringt. Tatsächlich aber ist er seit Juli in "High Noon"-Stimmung, liefert er sich ein unerbittliches Duell mit dem Mann, der ihn bei der letzten Bundestagswahl im direkten Vergleich mit 6 000 Stimmen aus dem schon erobert geglaubten Kanzleramt schoss. 6 000 Wähler, weniger als in die Halle hier passen? Quasi nichts.

"Das Thema war für mich innerhalb eines Tages abgehakt," legt sich der Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende weiterhin die Niederlage gegen den "Show-Kanzler" so akkurat, so ordentlich zurecht, so wie seine Frau ihm die weißen Haare föhnt. Dieser Tag dauert mittlerweile ein Jahr an.

Doch niemand in München, Freising oder Neuburg an der Donau nimmt ihm die zur Schau getragene Nonchalance ab. Im Gegenteil. Alle wissen oder spüren es zumindest: Da redet einer pausenlos gegen das würgende Gefühl an, die Niederlage gegen einen Luftikus wie Gerhard Schröder könne ihn doch noch ins zweite Glied der Union werfen. Da kommen die Wahlen zu Hause gerade recht.

Nach außen wie ein nüchterner Protestant wirkend, kämpft Stoiber mit dem Furor eines fundamentalistischen Katholiken gegen das so jämmerlich profan gewordene Böse in Berlin. Da kämpft in Wahrheit keiner für Bayern oder die CSU, für die Mehrheit oder für den Sieg. Die Routine hat Stoiber längst bravourös abgehakt - bevor der Wahlkampf begann. Nicht einmal ein Wahlprogramm haben sie für die Schlacht zusammengezimmert. Jetzt kämpft Stoiber nur noch für sich. Und das ist identisch mit: gegen Schröder. Alles andere ist Nebensache.

Kaum nimmt er auch nur den Namen Schröder in den Mund, schon ist "12 Uhr Mittags" angesagt. Dann nimmt der Affekt Besitz von Stoiber, ist er wieder der leibhaftige Herausforderer, der von seinen Bayern nur "zwei Stimmen gegen Berlin" einklagt. Es übermannt ihn die Rage gegen die da in Berlin auf eine Art, dass er nicht einmal merkt, wie er selbst sich in Schröders Banalrhetorik verheddert und in einem fort über "ein Stück" Hoffnung oder "ein Stück" Fortschritt schwafelt. 200 Wahlveranstaltungen und nur ein Thema: "Schröder muss weg!" Denn auf ihn, auf ihn allein hat Stoiber seine Kampfzone in der letzten Woche vor dem Urnengang eingeengt. Stoiber, der Oppositionschef h. c., hat es bei seinen bis zu sechs Reden am Tag registriert: Noch immer ist er für die Bayern nicht nur der Präzeptor der CSU, der oberste Lehrmeister, er ist auch der Superkandidat, der Herausforderer.

Ach, Berlin. Der Ärger steht ihm jedesmal tief ins Gesicht gemeißelt, wenn er gegen die "makroökonomischen Bedingungen", gegen die rot-grüne Schuldenpolitik, die Arbeitslosigkeit, das Rentendesaster und das Steuerchaos aus der Hauptstadt schwadroniert. Da registriert jeder im Saal freudigst, wie satt es der schlaksige, gerade wild mit den Armen rudernde Mann da vorne hat, in der Münchener Provinz den Ausputzer im Berliner Mistspiel zu geben.

Dabei hat Stoiber im Endspurt längst den Ballast der Inhalte über Bord geworfen. Steuerreform? Kein Thema. Pendlerpauschale? Kein Thema. Eigenheimzulage? Kein Thema. Zahnbehandlung? Kein Thema. Das Unvermeidliche kommt früh genug, das Ärgerliche kann warten. Nicht von ungefähr. Er hat den Ratschlag seines Übervaters, Franz Josef Strauß, ganz anders als etwa Roland Koch beherzigt: Kassandra wählt man nicht.

Jetzt, wo es ums Ganze geht, reicht ihm der Schlachtruf: "Machen Sie den 21. September zum Denkzettel gegen Berlin!" Keiner im Saal, der diesen unverhüllten Bundesslogan schon als CSU-Plakat vor der Halle gelesen hat, würde dem Chef verübeln, wenn er trotz aller gegenteiligen Schwüre ausrufen würde: Ich muss da hin, hier kann ich ihn nicht kriegen! Doch das tut er nicht. Dafür hat er viel zu lange bei Strauß gelernt, das macht er viel besser.

So lässt er in München, Passau und anderswo einen echten Kanzler gegen Schröder antreten. Wolfgang Schüssel, der Duz-Freund und Österreichs Regierungschef, hilft ihm da weiter. Der lässt sich auch gerne einspannen, wehrt sich - ganz undiplomatisch - nicht einmal in Ansätzen dagegen, Schröder anzumachen. Prompt entfährt es ihm: "Ich hätte mir gewünscht, Stoiber wäre vor einem Jahr zum Bundeskanzler gewählt worden."

Da schwillt der Applaus zum bayerischen Hurrikan an. Da will keiner mehr glauben, dass sich der Einmal-Verlierer Edmund Stoiber für den Rest seines politischen Daseins nur noch zwischen Bodensee und Bayerischem Wald tummeln werde. Vor allem: Da ist keiner da, der es dem Stoiber Edi verdenken wollte, wenn er doch, egal wofür, egal wogegen, doch nach Berlin gehen würde. Doch viele merken auch, warum der CSU-Vorsitzende überhaupt keine Lust verspüren will, als weißhaariger Bundespräsident das Schoss Bellevue zu zieren: Das wäre das endgültige Ende seines gerade erst eingeläuteten Endkampfs gegen seinen einstigen und bislang einzigen Bezwinger, Gerhard Schröder.

Kann da, mitten in der Kampfzone, der blinde Zufall regieren, wenn seine Wahlhelferin, Frau Karin Stoiber, bei der von den TV-Anstalten ausgeleuchteten Abschlusskundgebung in der Olympiahalle unvermittelt wie nebenbei fallen lässt: Ihr Mann habe sich im Sommer mit Vergnügen an der Erfolgssendung "Deutschland sucht einen Superstar" delektiert? Womöglich hat sie das wirklich nur gänzlich unbedarft so dahingeworfen, was keiner missverstehen kann: Stoiber hält sich selber für den Superstar, auf den Deutschland, zumindest aber die Union wartet.

Tatsächlich ist Stoiber seit seiner Niederlage gegen Gerhard Schröder eine Art Daniel Küblböck der deutschen Politik: ein einst überaus Siegesgewisser, der im Endspurt überraschend das Nachsehen hatte, seither aber wie ein strahlender Sieger dasteht. Beide sind sie Loser, doch beide beherrschen bei "Bild" und anderswo die Schlagzeilen. Edmund und Daniel: Wer aus Politik und Unterhaltung hat schon so viel Kapital aus einer Niederlage schöpfen können wie die beiden - der eine materiell, der andere in der Politik?

Und wie der Stoiber von den Bundeszinsen seiner Niederlage lebt! Schwer vorstellbar, was in dem Mann jetzt alles vor sich geht, jetzt wo er in der Gunst der Deutschen eine Woche vor der Wahl Gerhard Schröder endlich und definitiv überholt hat, und das Politbarometer sagt, 46 Prozent der Deutschen würden ihn wählen, nur 45 Prozent hingegen Schröder. Rivale Roland Koch, der hessische Ministerpräsident, rangiert weit abgeschlagen unter "ferner liefen".

Und Angela Merkel? Ach, CDU. Der CDU-Chefin und nominellen Oppositionsführerin bescheinigt DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun schon wieder, "kein schlüssiges Konzept" zu haben. Ja, mei: Sagt die Wirtschaft nicht auch, endlich müsse sich die Union zu "einem Kanzlerkandidaten" durchringen, den man unterstützen könne, "aber nur, wenn hinter dem dann Auserwählten auch ein Konzept erkennbar wird"? Ja, wer vor allen anderen hat denn das Sofortprogramm der Union geschrieben? Die Frage in Bayern stellen, heißt sie beantworten. Auf Bayerisch.

Dort, in Bayern, bleibt Edmund Stoiber ja allemal, sagt er. Egal wie die Wahlen ausgehen, sagt er. Selbst wenn er die 62,1 Prozent von Alois Goppel im Jahre 1974 toppen kann, sagt er. So, als ob dann gar nichts gewesen wäre.

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