Beim VfB Stuttgart träumen sie von der Champions League
Hoffen auf die netten Nachbarn

Hohe Schulden plagen den VfB Stuttgart. Doch unverhofft bietet sich nun die Möglichkeit, mit einem Schlag aller finanziellen Sorgen ledig zu werden. Sollte es tatsächlich mit der Qualifikation für die Champions League klappen, würden sich ganz neue Perspektiven auftun.

STUTTGART. Neulich saß Manfred Haas vor dem Fernseher, als mache er einen Ausflug in unbekannte Sphären: in die große, weite Welt der Champions League. "Ich habe mir unter der Woche mal das Spiel zwischen Inter Mailand und Manchester United angeschaut", berichtete der Präsident des VfB Stuttgart. Die "Stuttgarter Zeitung" verwies süffisant darauf, dass Manchester in Wirklichkeit bei Real Madrid angetreten sei und Klubchef Haas die Dinge im Überschwang wohl durcheinander gebracht habe. Beim Tabellenzweiten aus Schwaben muss sich noch mancher an den Gedanken gewöhnen, man könnte bald in der europäischen Königsklasse vertreten sein. "Ein sehr lukrativer Wettbewerb", sagte Haas nach seinen Wohnzimmer-Studien.

Magie und Verwirrtheit, die die Aussicht auf die Champions League auslösen, hängen mit der Dimension zusammen, die ein Sprung an die Fleischtöpfe in Stuttgart auslösen würde. Mit einem Schlag wäre der Klub, der bei seiner jüngsten Mitgliederversammlung einen Schuldenstand von 16,6 Millionen Euro auswies, praktisch saniert. Alle Altlasten, die aus der Ära des Ex-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder und den undurchsichtigen Monaten danach übrig blieben, wären getilgt. Zwölf Millionen Euro sind eine vorsichtige Berechnung der Einnahmen, die allein die erste Runde in die Kassen spülen könnte.

Die Zuschauer sind begeistert. Die lokalen Zeitungen berichten von Euphorie und einem ungewohnt starken Run auf Karten für die Heimspiele. Geschäftsführer Thomas Weyhing verkündete stolz, dass dies der größte Ansturm seit zehn Jahren sei. Umfragen in TV-Sendungen, im Internet und in Magazinen weisen ungewohnt hohe Sympathiewerte für den VfB aus.

Der Höhenflug weckt Begehrlichkeiten und zwingt den Verein zum Handeln. Seit vielen Monaten spielt der Klub mit kühnen und aktuell eher unrealistischen Plänen, an die Börse zu gehen, um sich neues Kapital zu besorgen. Vorher aber muss der Schuldenstand verringert werden. Auch ohne die Millionen aus der Champions League. Knapp drei Millionen Euro wären an zusätzlichem Kapital nötig, um die Lizenzspielerabteilung in eine Kapitalgesellschaft umzuwandeln. "Wir arbeiten daran", sagt Finanzchef Ulrich Ruf. Allerdings weiß auch Ruf, dass der VfB noch weit entfernt ist von akzeptablen Strukturen. Trotz eines Dieter Hundt, seines Zeichens Arbeitgeberpräsident und VfB-Aufsichtsratsvorsitzender.

Denn die Stuttgarter führen ihren Profiverein praktisch nur mit halber Führungskraft. Neben Haas, der als Chef der Sparkassenversicherung Baden-Württemberg beruflich extrem eingespannt und deshalb oft nicht greifbar ist, sitzt nur noch Ulrich Ruf in der Schaltzentrale. Seit Manager Rolf Rüssmann weg ist, hat Trainer Felix Magath teilweise seine Aufgaben übernommen. Verhandlungen mit den Spielern aber führt Haas. Am 1. Mai beginnt mit Jochen Rotthaus immerhin ein neuer Mann fürs Marketing seinen Job und verstärkt das Team um Ex-Skitrainer Rainer Mutschler.

Magath wird unterdessen nicht müde, zu warnen: Vorstand und Management müssten die finanzielle Basis für Verstärkungen schaffen. Mindestens zwei, drei Positionen müssten neu besetzt werden. "Wir können nicht drei 19-Jährige verpflichten, dafür hätten die Zuschauer kein Verständnis. Wir sind Tabellenzweiter, da kannst du nicht - wie der SC Freiburg - Spieler aus Georgien holen", sagt Magath.

Fakt ist aber auch, dass die Schwaben - ungeachtet des jüngsten 1:3 in Bochum - zunehmend selbstbewusst auftreten. Kaum war die Olympiabewerbung Stuttgarts für 2012 kläglich gescheitert, trat Haas vor die Mikrofone und forderte ein reines Fußballstadion für den Klub. Der VfB legte sofort eine Machbarkeitsstudie für das 60 bis 75 Millionen Euro teure Projekt vor, das bis 2005 abgeschlossen sein könnte. Die Stadt Stuttgart müsste auf rund 25 Millionen Euro verzichten. Das Land Baden-Württemberg würde mit 15 Millionen helfen, der Energieversorger EnBW gibt vier Millionen für das Namensrecht der Gegentribüne und der VfB hofft auf ein weiteres Engagement der netten Nachbarn aus dem Daimler-Chrysler-Konzern.

Deshalb hat Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster an Daimler-Chef Jürgen Schrempp einen Brief geschrieben und ihm die Umbenennung des Daimler-Stadions in Mercedes-Stadion angeboten. In der Konzernzentrale aber zeigte man sich wenig begeistert, weil der VfB zusätzliches Geld für die Umbenennung wünscht. Es würde keinen Grund geben, den Namen zu ändern, teilte der Daimler-Bevollmächtigte Matthias Kleinert daraufhin trocken mit.

Seit der Niederlage in Bochum ist der VfB Stuttgart aber wenigstens eine Diskussion los. "Jetzt", sagte Felix Magath mit einem Grinsen im Gesicht, "belastet uns das Problem Meisterschaft nicht mehr." Nun geht es in Stuttgart nur noch um die Champions League. Erst "2005", so Magath, "wollen wir Meister werden."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%