Bekannteste Zeitung der USA geht unter Juniorchef Sulzberger auf Expansionskurs: Neue Zeiten bei der New York Times

Bekannteste Zeitung der USA geht unter Juniorchef Sulzberger auf Expansionskurs
Neue Zeiten bei der New York Times

Anzeigenkrise und Leserschwund kennzeichnen den US-Zeitungsmarkt. Doch anders als die Konkurrenz setzt die New York Times auf Expansion. Der Kurs zahlt sich bislang aus.

NEW YORK. Die New York Times (NYT) lässt ihre Muskeln spielen. Lange war die Zeitung ein eher bedächtig handelndes Unternehmen in einer ebenfalls "bedächtigen" Branche. Unter dem Juniorchef Arthur Ochs Sulzberger wird jetzt aggressiv expandiert. Der Erfolg kann sich sehen lassen: Die NYT kündigte 45 % Zuwachs ihres Nettogewinns auf $107,5 Mill. im vierten Quartal an.

Während andere Zeitungsverlage ihre Flagschiff-Publikationen in einem zunehmend unsicheren Marktumfeld mit Aufkäufen zu retten versuchen, verfolgt Sulzberger eine antizyklische Strategie. Er baut ganz auf den Markennamen NYT und investiert massiv in Kabelfernsehen, Buchverlage und den überregionalen Zeitungsmarkt. Auch weltweit ist die NYT mit ihrem 50 %-Anteil an der in Paris herausgegebenen International Herald Tribune gut vertreten.

Partner, wie die Washington Post, die nicht in dieses Konzept passen, werden relativ unsanft abserviert. Auch der Verlag Random House und der Internet Nachrichtenanbieter TheStreet.com mussten sich fügen. Dem Markt gefällt diese aggressive Strategie bisher offenbar; die NYT-Aktie läuft gut.

Sulzberger streitet jedoch ab, dass die New York Times besonders kampflustig sei: "Wir haben keine Leichen zurückgelassen. Diese Art Deals sind bei Großunternehmen wie dem unseren ganz normal." Sein neuer Kurs wird die NYT auf die Probe stellen. Viele amerikanische Verlagshäuser hatten Probleme, mit ihren Publikationen in Übersee erfolgreich zu sein. Die Marke NYT war außerdem nur schwer ins Fernsehen zu bekommen und ihr Internetauftritt, wie der vieler anderer Zeitungen, ist bereits geschrumpft. Auch der Kauf von weiteren Zeitungen und mögliche Konflikte mit anderen Verlagen könnten ihren Tribut fordern.

Doch Sulzberger sitzt sicher auf seinem Stuhl in dem von seinem Urgroßvater erbauten Büro in der Nähe des New Yorker Times Square. Die Kollegen aus der Generation seines Vaters nennen ihn immer noch "Junger Arthur" - obwohl er mittlerweile schon 51 Jahre zählt. Als er 1997 den Vorstandsposten übernahm, hielten ihn einige im Unternehmen für unqualifiziert. Mit einem gut eingespieltem Team junger Führungskräfte gelang es ihm, die "Times" neu zu strukturieren.

Auch das Leserprofil hat sich verändert. Die NYT ist nicht auf den Raum New York beschränkt, ihre Leser entsprechen demographischen Kriterien: Sie ist wohlhabend, gebildet und haben eine ähnliche kulturelle und internationale Gesinnung. Mit dieser Leserschaft ist die Auflage der Tageszeitung in den letzten fünf Jahren um acht Prozent auf 1,2 Mill. gestiegen. Auch die Liste der Anzeigenkunden hat sich verlängert, seit Filmstudios, Fluggesellschaften und Hotelketten wollen regelmäßiger in der Times werben.

Dadurch steht die NYT heute in direkter Konkurrenz zu anderen überregionalen Zeitungen wie der USA Today und dem Wall Street Journal. Nach Angaben der NYT kommen heute nur 13 % der Einnahmen des Anzeigengeschäfts aus dem Raum New York, im Vergleich zu noch 66 % im Jahre 1996. Durch diese breite Basis von Anzeigenkunden konnte die NYT sich schneller als das Journal von der Werbeflaute erholen. Das zahlt sich aus: Der Aktienkurs der Times ist in den letzten fünf Jahren um 46 % gestiegen - verglichen mit 25 % des Dow Jones Publishing Index.

In der Zeit vor Sulzberger traf die Firma Entscheidungen ausgesprochen langsam: die 1968 erstmals diskutierte Idee, die Zeitung von zwei auf vier Teile zu erweitern, wurde erst ein Jahrzehnt später umgesetzt. Die nationale Ausgabe, 1980 erstellt, wurde in den späten 1990ern etabliert. Sulzberger dagegen entwickelte eine andere Unternehmenskultur. Unter ihm mussten Manager Bücher wie "The Leadership Moment" lesen, Geschichten über Vorfälle, die das Leben spontan verändern.

Wer heute bei der NYT eine bohrende Frage stellt, bekommt von Kollegen einen kleinen Stofftier-Elch überreicht - als Verweis auf eine Fabel in der ein Elch zum Abendessen geladen wird und keiner dies hinterfragt. "Mein Vater und seine Generation waren von der Weltwirtschaftskrise und dem zweiten Weltkrieg geprägt. Das führte zu starren Hierarchien und Befehlsstrukturen", sagt Sulzberger. "Meine Generation dagegen ist von Revolutionen geprägt. Bei uns regiert der Elch".

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%