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Beklemmender «Holländer» beschließt Premierenreigen

Bayreuth (dpa) - Mit einer fesselnden Aufführung von Richard Wagners Oper «Der fliegende Holländer» ist der Premierenreigen bei den Bayreuther Festspielen zu Ende gegangen.

Bayreuth (dpa) - Mit einer fesselnden Aufführung von Richard Wagners Oper «Der fliegende Holländer» ist der Premierenreigen bei den Bayreuther Festspielen zu Ende gegangen.

Regisseur Claus Guth inszeniert die Seefahrer-Saga als ein beklemmendes Psychodrama mit vielschichtigen Anspielungen und Projektionen, musste sich für seine Deutung, die unverblümt den Missbrauch der Tochter durch den Vater andeutet, aber auch kräftige Buhs gefallen lassen.

Viel Beifall galt dem von Marc Albrecht mit großer Klarheit geleiteten Festspielorchester und den Sängern: Jaakko Ryhänen als Daland mit voluminösem Bass, Adrienne Dugger als Senta mit kräftigen, teils etwas schrillen Tönen und und John Tomlinson in der Titelrolle als brüchiger, resignativer Holländer. Ein bemerkenswertes Bayreuth-Debüt gab Alfons Eberz als Erik mit kraftvollem Tenor. Den Steuermann sang Tomislav Muzek, die Mary gab Uta Priew. Eine Klasse für sich waren einmal mehr die von Eberhard Friedrich geleiteten Chöre.

Der Holländer ist in Guths hintergründiger Interpretation das Alter ego von Daland - beide agieren synchron und sehen sich in ihrer Kapitänsuniform zum Verwechseln ähnlich. Und beide bedrängen Senta - der Holländer tut es jetzt, der Vater tat es in der Vergangenheit. Um dies zu zeigen, führt der Regisseur ein kleines Mädchen - Senta als Kind - in die Handlung ein, das mit Matrosenpuppen spielt und sich vom Vater vorlesen lässt. Durch Videoprojektionen entsteht auf der Bühne - ein Vestibül mit sich herabschwingender Freitreppe (Bühnenbild und Kostüme: Christian Schmidt), aus dem es trotz der Flügeltüren kein Entrinnen gibt - ein irrealer, bedrohlicher Eindruck.

Mit dem «Holländer» ist ein Premierenzyklus mit ganz neuen Erfahrungen für die Bayreuther Festspiele abgeschlossen worden. In diesem Jahr ist eingetreten, was Wolfgang Wagner immer verhindern wollte: Die Festspiele sind zum «Event» geworden. Eine solche - auch medial inszenierte - Aufregung wie vor Christoph Schlingensiefs «Parsifal»-Neuinszenierung hat es bislang noch nicht gegeben. Öffentlich ausgetragene Streitereien sorgten zusätzlich für Aufmerksamkeit.

Nachdem der erwartete Skandal aber ausblieb, Zuschauer und Kritik vielmehr Zustimmung signalisierten, ist Festspielchef Wolfgang Wagner insgeheim vielleicht gar nicht unglücklich über den Auftritt des Theaterprovokateurs Schlingensief - sicherte dieser doch den Bayreuther Festspielen eine weltweite Aufmerksamkeit wie lange nicht mehr.

Musikalisch ist Bayreuth-Debütant Stephen Gould eine der Entdeckungen der Saison. Der Amerikaner überzeugte als Tannhäuser mit einer kraftvollen, variablen Tenorstimme. Auch Alfons Eberz machte als Erik im «Holländer» nachhaltig auf sich aufmerksam. Sofort wurden Spekulationen laut, er könne den Tristan in der Neuinszenierung von Christoph Marthaler bei den Festspielen 2005 singen. Denn das Geheimnis um diese Personalie hat Wagner bislang noch nicht gelüftet. So ist am «Grünen Hügel» weiterhin für Gesprächsstoff gesorgt, bis die Festspiele am 28. August mit «Tannhäuser» enden.

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