Belastete Proben aus Puten-Mastbetrieb
Staatliche Stellen wussten von Nitrofen

Staatliche Stellen hatten bereits im Frühjahr Erkenntnisse über das verbotene Unkrautvernichtungsmittel Nitrofen in einem Bio-Produkt.

dpa KULMBACH/BRÜSSEL. Die dem Bundesverbraucherministerium unterstellte Bundesanstalt für Fleischforschung in Kulmbach habe den Stoff in Proben aus einem Puten-Mastbetrieb festgestellt, sagte Behördenleiter Karl Honikel der dpa am Montag. Das Verbraucherministerium sei nicht informiert worden, da man von einem "lokalen Fall" ausgegangen sei.

Nach Angaben von Honikel hatte die Bundesanstalt im Januar Proben von einem Puten-Mastbetrieb aus Niedersachsen bekommen. Analysen hätten das Zehnfache des zulässigen Grenzwertes an Nitrofen ergeben.

Weil eine ergänzende Weizenprobe aber negativ ausfiel, sei das Ergebnis der in privatem Auftrag ausgeführte Untersuchung nicht an das Verbraucherministerium gemeldet worden, sagte eine Künast-Sprecherin unter Berufung auf Angaben der Forschungsanstalt, die dem Ministerium unterstellt ist. "Komisch ist das schon", sagte Künast am Rande des EU-Agrarrates in Brüssel. Jetzt müsse schnell die Frage geklärt werden: "Wer hat wann wovon gewusst?" Derzeit arbeiteten alle Behörden fieberhaft an der Aufklärung des Bio-Futtermittelskandals. Die Ursache und das gesamte Ausmaß sind aber nach den Worten der Ministerin noch völlig unklar. "Wir wissen nicht, wie und an welcher Stelle der Stoff in das Futtermittel gelangt ist", sagte Künast.

Der Babynahrungshersteller Hipp warf den staatlichen Kontrollbehörden vor, in Kenntnis der Giftfunde die Verantwortung hin- und hergeschoben zu haben. Verschiedene staatliche Kontrollinstanzen seien seit Monaten informiert gewesen, sagte Hipp- Marketingleiter Reiner Tafferner dem Berliner "Tagesspiegel".

Anfang Januar seien Nitrofen-Rückstände in Rohstoffen zur Herstellung von Babynahrung in seinem Unternehmen gefunden worden. Seitdem sei die Verantwortung "von einer Stelle zur anderen" verschoben worden. Durch eigene Kontrollen - auch auf Nitrofen - sorge das Unternehmen dafür, dass seine Produkte "vollkommen sauber" seien.

Auch betroffene Bio-Betriebe informierten die Öffentlichkeit monatelang nicht, obwohl sie Erkenntnisse über Nitrofen-Funde in Futterweizen für Geflügel hatten.

In Niedersachsen wurde bekannt, dass die Behörden bei einem Geflügel-Produzenten 230 Tonnen nitrofen-belastetes Fleisch beschlagnahmten. Es sollte den Erkenntnissen zufolge nach Russland exportiert werden, teilte die Staatsanwaltschaft in Oldenburg mit.

Die Bundesregierung will mit einem Krisentreffen einen massiven Vertrauensverlust in Bio-Produkte verhindern. Das Ministerium berief für diesen Dienstag ein Gespräch mit Öko-Verbänden ein. Dabei soll ans Licht kommen, wo die Kontrollkette versagt hat.

Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion beantragte für Mittwoch eine Sondersitzung des zuständigen Parlamentsausschusses, in der die Abgeordneten Auskunft von der Bundesregierung über die aktuellen Erkenntnisse verlangen.

Nach Vermutungen des Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) sind keine größeren Nitrofen-Mengen über Fleisch oder Eier direkt zum Verbraucher gelangt. Die Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft geht davon aus, dass Öko-Landwirte das EU-weit verbotene Nitrofen beim Weizenanbau tatsächlich angewandt haben. Es sei auszuschließen, dass Jahrzehnte alte Giftrückstände in den Feldern zu der Verseuchung des Getreides geführt hätten.

In Niedersachsen sitzt das Öko-Unternehmen, das das Futtermittel in ganz Deutschland vertrieben hat. Zunächst hieß es, der verseuchte Weizen stamme wahrscheinlich aus Brandenburg. Bei dem in Verdacht geratenen Ökobetrieb in der Uckermark hat sich nach Auskunft eines unabhängigen Berliner Prüfinstituts allerdings kein Hinweis auf verseuchtes Futtergetreide ergeben. Auch etliche andere Bundesländer leiteten Überprüfungen ein. In Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt wurden Öko-Betriebe für den Handel gesperrt.

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