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Belastetes Futter ging auch an Schweine- und Kuhbetriebe

Tierfutter mit dem Pflanzengift Nitrofen ist nicht nur an Geflügel-Betriebe, sondern auch an Höfe mit Milchkühen und Mastschweinen in Niedersachsen geliefert worden.

rtr BERLIN. Dies hätten Untersuchungen der von der Futtermittelfirma GS agri belieferten Betriebe ergeben, bestätigte der niedersächsische Agrar-Staatssekretär Dietmar Schulz am Mittwoch in Hannover. Führende Einzelhändler prüfen weitere Bio-Produkte in ihrem Sortiment, nachdem in den vergangenen Tagen bereits Bio-Eier und Geflügelwurst entfernt worden waren. GS agri bestritt indes, wissentlich belastetes Tierfutter ausgeliefert zu haben.

Bundesagrarministerin Renate Künast (Grüne) kündigte ein hartes Durchgreifen in der Affäre an und forderte die unionsgeführten Länder auf, am Freitag im Bundesrat dem Verbraucherinformationsgesetz zuzustimmen. Unionsfraktionschef Friedrich Merz (CDU) lehnte dies jedoch ab.

Die Nitrofen-Affäre hatte sich am Dienstag ausgeweitet. Ermittlungen des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums ergaben, dass ein Futterhersteller aus dem Land nicht wie zunächst angenommen 100, sondern 550 Tonnen Öko-Getreide zu Bio-Futter verarbeitet hat, obwohl die Belastung mit Nitrofen seit mehreren Wochen bekannt war. Mehr als 100 Bio-Mastbetriebe in fünf Bundesländern seien mit belastetem Futter beliefert worden, davon rund Vier Fünftel in Niedersachsen.

Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums in Niedersachsen befinden sich darunter auch mindestens ein Milchbetrieb und mehrere Schweinemastbetriebe. Auch diese Betriebe seien gesperrt worden, sagte Schulz. Eine Liste der betroffenen Betriebe werde derzeit erstellt. Zugleich griff Schulz die Firma GS agri scharf an, die das belastete Futter ausgeliefert hatte. Das Unternehmen habe den Bezug des Getreides nicht genau aufgelistet und damit gegen das Futtermittelrecht verstoßen. Dem Betrieb droht nun der Entzug der Erlaubnis, Futtermittel herzustellen. Denkbar ist auch, dass durch die lückenhafte Auflistung der Futter-Lieferungen Betriebe in weiteren Bundesländern betroffen sein könnten.

GS Agri weist Vorwurf des vertuschens zurücks

Das Futtermittelunternehmen GS agri wies den Vorwurf der Vertuschung zurück. "GS agri hat zu einem Zeitpunkt mit Nitrofen belastetes Tierfutter wissentlich an Abnehmer geliefert", teilte Geschäftsführer Paul Röman in einer Erklärung mit. Als Ende April zum wiederholten Male Nitrofen in Proben nachgewiesen worden sei, seien die Futterrohstoffe gesperrt, die Auslieferung gestoppt und bereits ausgeliefertes Futter zurückgerufen worden. Die genannte Menge von 550 Tonnen belasteten Futtermittels sei weit überhöht. Eine Kontamination konventionellen Futters sei ausgeschlossen, da die Rohstoffe von anderen Lieferanten stammten, hieß es weiter. Künast hatte eine Ausweitung der Affäre auf konventionelle Futtermittel nicht ausgeschlossen.

Einzelhändler nehmen Bio-Produkte aus dem Sortiment

Führende Einzelhändler kündigten an, ihre Sortimente nach weiteren möglicherweise belasteten Produkten zu überprüfen. Ein Sprecher des Metro-Konzerns sagte, es handele sich um eine vorsorgliche Maßnahme. Am Dienstag hatte Deutschlands größter Handelskonzern sämtliche Bio-Eierbestände und Bio-Geflügelwurst aus den Regalen genommen. Zur Metro gehören neben den Großmärkten die Warenhäuser Real, Extra und Kaufhof. Auch die Ketten der Rewe -, Tengelmann - und Spar-Gruppe prüfen nach Angaben von Sprechern derzeit weitere Produkte, nachdem in den vergangenen Tagen die Bio-Eier aus dem Sortiment genommen worden waren.

Um weitere Pannen zu verhindern, hatte Künast zuletzt schärfere Meldepflichten für staatliche Prüflabors angekündigt. Weitergehende Maßnahmen wurden bislang jedoch nicht bekannt. Künast forderte die Unions-Länder zudem auf, das Verbraucherinformationsgesetz am Freitag im Bundesrat passieren zu lassen. In der Länderkammer hat Rot-Grün keine Mehrheit. Das Gesetz soll die Informations- und Melderechte der Behörden und Verbraucher stärken. Die Union hält jedoch an ihrem Nein zu dem Gesetz fest. Das Gesetz sei "unzureichend und ein bürokratisches Monstrum", sagte Fraktionschef Merz Reuters. Die "Info-Pannen" wären auch mit dem Gesetz passiert. Die FDP beantragte für Mittwoch eine Aktuelle Stunde zu der Futtermittel-Affäre. Der parlamentarische Staatssekretär im Verbraucherschutzministerium, Matthias Berninger (Grüne), warf Merz mangelnde Sachkenntnis vor. Er hoffe, dass die Union ihre Haltung noch einmal überdenken werde.

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