Belgische Frittenbuden geraten ins Visier der Kartellbehörden
Ölpreisschock der anderen Art

Ohne Pommes ist ein Belgier nur ein halber Belgier, doch muss er für das Nationalgericht immer mehr hinblättern. Die Fritten-Inflation macht nun auch der Regierung Sorgen.

BRÜSSEL. Die Schlange vor der Pommesbude "Chez Antoine" zieht sich mehrere Meter über den Platz Jourdan im Brüsseler Stadtteil Etterbeek. Im Minutentakt nehmen die Kunden ihre riesigen Frittentüten entgegen, "cornets", wie sie hier heißen. Sie gleichen riesigen Eistüten und bestehen aus mehreren Schichten ineinandergeschlagenem Papier. Die goldgelben Kartoffelschnitze sind das Leibgericht der Belgier. Jedes Dorf, jedes Stadtviertel, das etwas auf sich hält, hat seine "Friterie" oder seinen "Fritkot" - je nach französischsprachigem oder flämischem Ursprung.

Ein Kunde mit stolzem Bauch und polierter Glatze nimmt gerade eine Portion mit hausgemachter Tartar-Soße in Empfang. "Ich habe schon in vielen Ländern Pommes probiert. Aber nirgendwo schmecken sie so wie hier. In Belgien sind sie einfach am besten", sagt der Mann und schiebt sich die erste Ladung Fritten in den Mund. Die Soße tropft, der Belgier grinst.

Aber die Freude ist getrübt. Die Fritten werden nämlich immer teurer. Das hat zumindest Vincent van Quickenborne, Minister für Wettbewerb und Bürokratieabbau festgestellt: "Der Kartoffelpreis ist im vergangenen Jahr um 24 Prozent gesunken, aber die Fritten sind vier Prozent teurer geworden. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied", sagt der Minister. Er sieht die Gefahr, dass sich die Frittenbudenbesitzer zu heimlichen Preisabsprachen zusammengeschlossen haben könnten und die hungrigen Belgier nun viel mehr für ihr Lieblingsessen bezahlen als eigentlich erlaubt.

"Alles Quatsch", meint dazu Bernard Lefèvre, Chef des belgischen Frittenbuden-Verbands. Die Preise seien "nicht unangemessen" gestiegen. "Wenn überhaupt, dann gleichen die Kollegen höchstens die Inflation aus", meint Lefèvre, der selbst ein Fritkot in Antwerpen betreibt.

Doch so leicht lässt sich die belgische Regierung nicht abspeisen. Wettbewerbsminister van Quickenborne hat nun eine Untersuchung einleiten lassen, die den Ursachen für die Preissteigerung nachgehen soll. Schließlich sind die Fritten in Belgien ja so etwas wie Allgemeingut.

Zwei Euro kostet eine große Tüte Pommes im Schnitt. In der Frittenbude "Kessner" im Brüsseler Norden haben sich die Preise seit zwei Jahren nicht mehr verändert, versichert der Besitzer Tasso Papadopulos. Er betreibt die Bude seit über 20 Jahren gemeinsam mit seiner Frau, die aus einer echt belgischen Fritten-Dynastie stammt. Schon ihre Eltern standen am Platz und verkauften die triefenden Kartoffelleckereien.

Für den Vorwurf des Ministers haben die beiden überhaupt kein Verständnis: "Das ist eine Unverschämtheit. Man muss bedenken, dass der Preis für Pommes nicht nur von der Kartoffel abhängt, sondern auch von den Energiepreisen, und die sind ja bekanntlich in den vergangenen Jahren stark angestiegen", schimpft Papadopulos und haut die nächste Ladung roher Fritten ins Bratfett. Er bezahle heute fünfmal so viel für sein Gas wie noch vor ein paar Jahren. Und dazu kommen die Ausgaben für das Frittierfett.

Die belgischen Fritten werden nämlich gleich zweimal ins Fettbad geschmissen - erst bei 150, dann bei 180 Grad. So bekommen sie den typisch belgischen Geschmack. In der Frittenbude Kessner wird das dazu benötigte Rinderfett jeden Tag gewechselt - 40 Liter verbraucht Tasso Papodopulos am Tag.

Und diese Fettmengen machen den Frittenbratern im ganzen Land zu schaffen: "Der Preis für Speiseöle und Fette folgt dem Ölpreis. Er ist im vergangenen Jahr um 40 Prozent gestiegen, weil die Nachfrage nach Biodiesel so stark zugenommen hat", sagt Frittenbuden-Präsident Bernard Lefèvre. Die Kartoffel mache am Ende nur ein Drittel der Gesamtkosten für eine Tüte Fritten aus. Und alles andere sei eben teurer geworden.

Trotz der politischen Aufregung - die Kunden an den Frittenbuden nehmen es bisher gelassen. Er habe zwar gemerkt, dass sein Lieblingsessen mehr kostet, aber die Fritten seien immer noch günstiger als Fleisch oder Milchprodukte, sagt ein Kunde. "Solange die Tüte nicht plötzlich fünf Euro kostet, werde ich immer Fritten essen. Das gehört zu einem echten Belgier einfach dazu."

Ruth Reichstein
Ruth Reichstein
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%