Belgrad warnt vor weiterem Zerfall Rest-Jugoslawiens
Parlamentswahl in Montenegro gilt als Votum für Unabhängigkeit

Wenn die Wähler in Montenegro am Sonntag zu den Urnen gehen, stimmen sie nicht nur über ihre künftige politische Führung ab. Indirekt entscheiden sie, ob die kleine Republik mit gerade mal 650 000 Einwohnern weiter Teil Jugoslawiens bleiben will.

afp PODGORICA. Präsident Milo Djukanovic, der Montenegros Unabhängigkeit anstrebt, hat für den Fall eines Wahlsiegs ein Referendum versprochen. Spätestens zum Nationalfeiertag am 13. Juli, gelobte er, werde das Land unabhängig sein. Dass Djukanovics Koalitionsbündnis mit dem programmatischen Namen "Der Sieg gehört Montenegro" gute Chancen auf die Mehrheit im Parlament von Podgorica hat, darüber sind sich die Meinungsforscher einig.

Nach einer neuen Umfrage können seine Demokratischen Sozialisten (DPS) und die verbündeten Sozialdemokraten (SDP) mit 34 der insgesamt 77 Sitze rechnen; zusammen mit den Liberalen, die demnach auf acht Sitze kämen, hätten die Befürworter einer Unabhängigkeit sogar die absolute Mehrheit. Die Anhänger der jugoslawischen Föderation müssen sich laut der Umfrage mit 28 Sitze begnügen.

36,8 Prozent für den Bund mit Nachbarrepublik Serbien

Die Sitzverteilung täuscht jedoch über den wahren Wählerwillen hinweg: Nach einer weiteren Umfrage will eine knappe Mehrheit von 36,8 Prozent der Bürger den Bund mit der Nachbarrepublik Serbien beibehalten. Und nur 33,7 Prozent sind für eine Loslösung.

Belgrad sind die Ideen des montenegrinischen Ex-Kommunisten mehr als suspekt. Einen weiteren Zerfall Rest-Jugoslawiens will der jugoslawische Präsident Vojislav Kostunica verhindern. Eine Unabhängigkeitserklärung Montenegros könne zur Bildung weiterer Kleinstaaten führen und damit den gesamten Balkan in einen "Strudel von Konflikten" hineinziehen, warnte Kostunica. Trotzdem - dem Votum des Volkes will er sich nach eigenem Bekunden beugen.

D-Mark als einziges Zahlungsmittel

Obwohl der studierte Wirtschaftswissenschaftler Djukanovic erst vergangenen November demonstrativ die D-Mark als einziges Zahlungsmittel gegen den jugoslawischen Dinar durchsetzte, will er die Verbindungen zu Serbien nicht völlig kappen. Ihm schwebt ein loser Staatenbund vor, mit gemeinsamer Verteidigung, Außenpolitik, einer Währungsunion und offenen Grenzen. Die beiden ungleichen Republiken der Föderation - auf jeden Montenegriner kommen 14 Serben - sollen damit nach seinem Willen auch weiterhin ihre "gemeinsamen Interessen" wahren. Kostunica wies diese Ideen bereits mehrfach zurück. An einem Bündnis mit einem unabhängigen Montenegro habe Serbien "kein sonderliches Interesse". Stattdessen setzt er auf eine Reform der jugoslawischen Föderation.

Auch der Westen betrachtet die Unabhängigkeitsbestrebungen Montenegros mittlerweile mit Skepsis. Djukanovic, der nach seinem Wahlsieg 1998 wegen seiner Aufmüpfigkeit gegen Milosevic als Verbündeter hoch willkommen war, ist heute ein Rebell ohne Rückhalt. Seit der demokratischen Revolution in Jugoslawien sympathisieren die EU-Staaten mit Kostunica. Die EU-Außenminister warnten Djukanovic daher bereits Anfang April, den Nachbarstaaten kein "schlechtes Beispiel" zu geben. Ein geeignetes Druckmittel haben aber auch sie nicht in der Hand. Die Hoffnung richtet sich nun darauf, dass spätestens die Bevölkerung beim Referendum einem unabhängigen Montenegro eine Absage erteilt.

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