Belüftungstechnik von der Tierwelt abgeschaut
Termitenbau ist Vorbild für Hochhauswände

Hochhäuser werden über Lüftungsanlagen mit frischer Luft versorgt. Nun nehmen Forscher Termitenbauten als Vorlage: Poren und Lüftungsröhren in den Wänden sollen für automatischen Luftaustausch sorgen.

DÜSSELDORF. Termiten sollen als Vorbild dienen: Biologen der Universität des Saarlandes entwickeln Außenwände mit eingebauten Lüftungen, die sie Termitenbauten abgeschaut haben. Denn die eng mit den Schaben verwandten Tierchen reagieren recht empfindlich auf Zugluft und statten ihre Turmbauten deshalb mit zugfreien Belüftungen aus. Das Team um Georg Rummel will die Kenntnisse über die Lüftungssysteme der australischen Termitengattung Macrotermes nun bei der Konstruktion von Hauswänden technisch umsetzen - das könnte die Gebäudetechnik revolutionieren.

Die oft mehrere Meter hohen Bauten der Staaten bildenden Insekten prägen das Bild in vielen Steppen und Savannengebieten. Als Hauptwerkstoff für ihre Turmbauten dient den Termiten ein Stoff, der hauptsächlich aus einem Gemisch von Speichel und Kot besteht. An der Luft wird dieser Werkstoff so hart wie Zement, enthält aber mikroskopisch kleine Poren.

Damit die Luft im Inneren dieser Monumentalbauten nicht schal wird, arbeiten die für das Bauwesen zuständigen flinken und kleinen Arbeiter eine ausgeklügelte Lüftungsanlage ein: die integrierte Wand-Porenlüftung. Im Termitenbau aufsteigende warme Luft fließt durch Hohlrippen im Estrich seitwärts weg in Lüftungsröhren in der etwa 50 Zentimeter dicken Außenwand. Dort kühlt sie sich ab und sinkt langsam von der Turmspitze bis in den Keller des Bauwerkes. Während die Luft in der Außenwand nach unten strömt, nimmt sie von draußen durch die Mikroporen frischen Sauerstoff auf und gibt Kohlendioxid ab. Vom Kellergewölbe, das mit seinen vielen Säulen das Fundament trägt und sich meist einen Meter unter dem Grund befindet, quillt die frische, abgekühlte Luft nun wieder durch den mittleren Bauteil nach oben.

Die Forscher in Saarbrücken haben die zugfreie Lüftung genau unter die Lupe genommen. "Um die Macrotermes-Außenwände technisch umzusetzen, wählen auch wir Baustoffe mit mikroskopisch kleinen Poren, durch die Luft ins Gebäude strömt", erläutert Teamleiter Rummel. Und das Termitenlüftungssystem habe noch einen weiteren Vorteil: Weil die Luft, während sie die Wand passiert, auch Wärme in den Raum zurückzieht, sinke der Wärmeverlust eines Gebäudes um beinahe die Hälfte. Deshalb wollen die Biologen die neuen Wände mit einer eingebauten Matte aus winzigen Röhrchen - so genannten Kapillarrohrmatten - versehen und als Luftheizung am Markt etablieren.

Auch Klaus Döge vom Institut für Luft- und Kältetechnik in Dresden beschäftigt sich mit modernen Bautechniken. "Ein behagliches Klima mit natürlicher Zuluft erreichen wir in Gebäuden, indem wir im Innenraum einen minimalen Unterdruck herstellen. Durch kleinste undichte Stellen - beispielsweise an Fenstern - fließt dann Luft nach innen", sagt Döge.

Wie so oft ist die neue Technologie allerdings teurer als herkömmliche Bauweisen. Die Gestaltung von Fassaden nach Termitenbaukunst kann sich der Strömungstechniker Döge deshalb zunächst bei repräsentativen Hochhäusern vorstellen, denn bei deren Bau ist das Budget - verglichen mit normalen Wohnhäusern - höher. "Natürliche zugfreie Lüftungen sind immer angenehm, ebenso wie das Gefühl, ein Fenster öffnen zu können", sagt Max Unger, Ingenieur für Bauwesen bei der Prof. Weiss & Partner Projektsteuerungsgesellschaft in Eschborn, einem Managementunternehmen der Immobilienbranche. "Deshalb werden am Bau gern Doppelfassaden verwendet, wobei eine witterungsfeste Außenhaut einer zweiten Innenhaut, deren Fenster zum Lüften geöffnet werden können, vorgesetzt wird."

Weil die Bauindustrie besonders an Baustoffen interessiert sei, welche die Betriebskosten von Gebäuden senken, könnten bionische Fassaden künftig eine wichtige Rolle spielen, sagt Unger. Denn hochwertige Gebäudetechnik sei sowohl für die Menschen, die das Gebäude nutzen, als auch für den dauerhaften Werterhalt einer Immobilie wichtig.

Quelle: Handelsblatt

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