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Benni, das Pilgerbrötchen

Was der Weltjugendtag über die Wahlkampfstrategie der CDU verrät.

Was der Weltjugendtag über die Wahlkampfstrategie der CDU verrät.

Im Rheinland, das muss allen nochmal erzählt werden, die es nach den Fernsehbildern nicht glauben mögen, ist derzeit Ausnahmezustand oder korrekter: Weltjugendtag.

Horden verschiedene Sprachen sprechender Jugendlicher ziehen mit babyblauen Rucksäcken und ihnen zugehörigen Fahnen durch die Städte, mühsam verfolgt von oft übergewichtigen Aufsichtspersonen, sie tanzen auf Tischen, singen ständig chorale Töne, polieren die Auslastungsbilanz des öffentlichen Nahverkehrs auf, und machen gut, was die konsumunwilligen Deutschen den Ladenbesitzern unter ihnen angetan haben.

Nicht immer sind dies schöne Bilder...

... doch wird so mancher etwas fürs Leben lernen. Zum Beispiel, dass man überall schlafen kann, wenn man müde genug ist.

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Auch wird vielen ihre Zeit rund um Köln ein Leben lang im Gedächtnis bleiben, ein Hauch von Summer of Love durchweht die Gegend (in Woodstock war das Wetter ja auch mies) und die Mischung aus Altstadterkundung und Kondomverteilungsverbot wird sicher Wirkung zeigen.

Vermutlich auch das Rahmenprogramm. "Der Kölner an sich verreist ungern", wirbt der Kölsch-Hersteller Früh. Und weil er sich nicht vorstellen kann, dass es außerhalb der rheinischen Grenzen anderes, hochkarätiges gibt, mussten die 51.000 Zuschauer gestern beim Eröffnungsgottesdienst in der Düsseldorfer Arena sowohl die heimische Coverband Halber Liter als auch De Höhner über sich ergehen lassen.  

Trotzdem: Viele werden mitgerissen, bekommen schon jetzt, wenn nicht Kinder, so doch ausländische Besucher, schreibt Malorama:

"die anrufer bei call-in-radiosendungen, die gestern wjt-pilger "bekommen" haben. bisherige lieblingssätze: "also wir haben ja eine kolumbianerin bekommen, die ist aber protestantisch." oder "wir haben einen priester und vier jugendliche aus ungarn bekommen, die haben den wegen dem zölibaaaaaaaaaat ganz schön in die mangel genommen." oder "wir haben zwei lebensfreudige italiener bekommen. dann sag ich in der gemeinde, können wir nicht noch mehr davon haben? dann sagen die, ja klar, wieviel wollensedenn?"

Erwähnt sei auch noch der Kölner Maler, den ich vorgestern im Fernsehen sah. Eigentlich erwartete er eine Gruppe Italiener, die in seinem Atelier nächtigen sollte. Er bekam eine Gruppe Polen und meinte, das sei kein Problem: Polnisch spreche er ebenfalls nicht.

Auch Geschäftsleute werden mitgerissen, nicht nur im Weltjugendtagsshop, wie Medienrauschen berichtet. Der RTL Shop offeriert den Papst-Bären, der für mich ein wenig aussieht wie ein englischer Palastbewacherbär.

Sogar "Bravo", ja wirklich, DIE "Bravo" entdeckt ihre christliche Begeisterung. Ein "Bene-Poster" gibt es. Nicht überliefert ist, ob das auch im Büro von Dr. Sommer hängt.

Da will auch Düsseldorfs christlichster Bäcker nicht zurückstehen. Der Brotmacher, der in seiner jährlichen Sommerpause aus Teig gebackene biblische Motive ins Schaufenster stellt, offeriert "Benni, das Pilgerbrötchen" zum Preis von 40 Cent, was wohl nur bedingt pilgerfreundlich zu nennen ist.

Als ich dieses Plakat sah, kam mir eine andere Jetzt-muss-es-aber-mal-süß-klingen -Verballhornung der letzten Tage in den Kopf: Angi. Der katholischen Kirche geht es wieder besser, rein quantitativ gesehen. Deutschland schlechter. Ist es da wirklich eine gute Idee, seinen Kandidaten anzupreisen wie ein liebenswertes Knuddeltiert auf Visite bei Stefan Raab?

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