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Beobachtungen im Wahlkampf

In Chile geht der Wahlkampf für die Präsidentschaftswahlen in die Vollen, in Argentinien sind die Kongresswahlen gerade vorbei.

In Chile geht der Wahlkampf für die Präsidentschaftswahlen in die Vollen, in Argentinien sind die Kongresswahlen gerade vorbei. Angesichts der zeitlichen Nähe der Wahlkampagnen in diesen beiden Nachbarländern an der Südspitze Amerikas springen die exorbitanten Unterschiede im politischen Stil ins Auge: Wenn Chiles aussichtsreichste Präsidentschaftskandidatin Michele Bachelet zum Beispiel auf Wahlkampftour durch die Dörfer zieht, dann stehen keine gedungenen Horden bereit, um mit Trommeln und Bannern die Stimmung anzuheizen, so wie es in Argentiniens Wahlkampf üblich ist. Die chilenischen Dörfler kommen freiwillig und bringen ihre Kinder und die Großeltern mit, um das potentielle künftige Staatsoberhaupt kennenzulernen. Es gibt keine Schlägereien wie oft in Argentinien, die Stimmung ist fröhlich und gelöst.

Die Chilenin Bachelet spricht zu den Leuten in einfachen Worten, ruhig und offen - weit entfernt von dem demagogischen, aggressiven Stil etwa der argentinischen Senatorin und Präsidentengattin Cristina Fernandez de Kirchner, die bei den Kongresswahlen gerade mehr als 40 Prozent der Stimmen für die von ihr geführte Kandidatenliste absahnte.

Gänzlich unbegreiflich ist den Chilenen auch, dass in Argentinien offensichtlich kein Gesetz die Kandidaten dazu zwingt, von ihren Regierungsämtern zurückzutreten. Der argentinische Präsident Nestor Kirchner schickte sein halbes Kabinett als Kandidaten in den Kongresswahlkampf. So lagen wichtige Ressorts wie die Außenpolitik oder das Verteidigungsministerium über Monate praktisch brach, weil ihr Spitzenpersonal auf Kampagne war.

In Chile dagegen trat Bachelet schon vor den internen Parteiwahlen von ihrem Amt als Verteidigungsministerium zurück und auch ihre Konkurrentin, die Außenministerin Soledad Alvear legte ihr Amt nieder, so wie es das Gesetz in Chile vorschreibt.

Dieser Tage gab es in Chile heftige Kritik, weil vier amtierende Minister bei einem Wahlkampfakt von Bachelet zugegen waren. Die Minister sollten arbeiten und nicht Wahlkampf machen, schließlich würden sie fürs Regieren bezahlt, so schimpfte die chilenische Opposition.

In Argentinien dagegen regte sich schon keiner mehr darüber auf, dass der peronistische Präsident Nestor Kirchner sein ganzes Kabinett dazu verdonnerte, bei Cristinas Wahlkampfakten anzutreten. Immerhin verweigerte sich der Wirtschaftsminister Roberto Lavagna dem Wahlkampfdiktat, so dass wenigstens in dem wichtigsten Ressort des Landes gearbeitet wurde. Dafür waren die Argentinier schon froh und dankbar.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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