Berater muss Ruhe weg haben
Retter in der Not

In Zeiten rapiden Personalabbaus sind sie in der gesamten Wirtschaft gefragt wie nie zuvor: Outplacement-Berater verhelfen geschassten Managern zu einer neuen Stellung.

HB DÜSSELDORF. Der Personalchef einer größeren Bank ist völlig überfordert. An diesem Morgen muss er zwei jungen Mitarbeitern kündigen. Kürzlich hatte er beiden beim Einstellungsgespräch glänzende Karrierechancen versprochen. Schon beim Gedanken an das Gespräch bekommt er feuchte Hände.

Er ist mit diesen Gefühlen nicht allein. Die meisten Führungskräfte fühlen sich durch Kündigungsgespräche, die sie führen müssen, enorm belastet. Nach einer Studie des amerikanischen Herzspezialisten Murray Mittelman von 1998 sind sie sogar einer der Hauptauslöser für Herzinfarkte bei Managern.

Kündigungen bergen ungeahnte Gefahren


Kündigungen im großen Stil sind aber mittlerweile durch Rationalisierungen und Fusionen in den Unternehmen an der Tagesordnung. Sie können zur einer ungeahnten Gefahr werden: Zermürbende Arbeitsprozesse und schlechte Stimmung beim Rest der Belegschaft drohen das Image der Firmen nach außen zu zerstören und verursachen hohe Kosten.

Kein Wunder, dass viele Unternehmen ein professionelleres Trennungsmanagement anstreben und die Dienste von externen Outplacement-Beratern in Anspruch nehmen. Bei dieser vom Arbeitgeber finanzierten Beratung werden die Gekündigten zum einen in der Trennungssituation psychologisch betreut (outplacement) und zum anderen professionell angeleitet, eine neue persönliche und berufliche Orientierung zu finden (newplacement). Dabei verstehen sich die Berater aber nicht als pure "Jobfinder", sondern geben Hilfe zur Selbsthilfe bei der Gestaltung der Zukunft ihrer Klienten.

Für untere Gehaltsklassen: Betreuung gruppenweise


Früher nur als Einzelberatung für das Topmanagement üblich, werden heute auch Manager der unteren Gehaltsklassen teilweise gruppenweise betreut. "Die Nachfrage nach professionellem Management in Trennungssituationen wird weiter wachsen", glaubt Herbert Mühlenhoff, Vorsitzender der Fachgruppe Outplacementberatung im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) in Bonn und Geschäftsführer von Mühlenhoff & Partner in Düsseldorf.

Allein im Jahr 2001 wuchs nach Untersuchungen des BDU der Umsatz der rund 30 auf Outplacement spezialisierten Firmen in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent. Auch klassische Personalberatungen springen mittlerweile auf diesen Zug auf. Kienbaum Consultants International beispielsweise will mit seinem Newplacement Network Services sein Dienstleistungsangebot erweitern. Auch hier wird Gekündigten Orientierung gegeben, werden Kontakte vermittelt und durch Coaching oder Training auf eine neue berufliche Tätigkeit vorbereitet.

Kein Zuckerschlecken


Menschen zu beraten, die gerade einen Job verloren haben, ist allerdings kein Zuckerschlecken. Das setzt einiges an beruflicher Erfahrung und Wissen um die menschlichen Strukturen voraus. "Wir suchen gestandene Leute mit Führungserfahrung und akademischer Ausbildung", sagt Uwe Kern, Vorstand der Unternehmensberatung Dr. Stoebe, Kern (SKP) in Hamburg. "Sie müssen die Erfahrung haben, was in den Unternehmen passiert, um den Klienten die richtigen Fragen zu stellen."

Gefordert ist also das Wissen um Seilschaften, Hackordnungen, Mobbingstrukturen, eben wie man das "Spiel" in Unternehmen spielt. Welche akademische Ausbildung die angehenden Berater haben, spielt nach Kerns Ansicht keine große Rolle.

"Gelebte Psychologie"


Interessant sind aber nach Ansicht von Laurenz Andrzejewski, Geschäftsführer der Management- und Karriereberatung "management 1x1" und Buchautor, vor allem Wissen im Personalmanagement, in Betriebspsychologie und in der Wirtschaftspädagogik. Außerdem müssen sie ein menschliches Gespür für die Menschen haben, die gerade ihrer Existenz beraubt wurden. Sie sollten sehen können, wer ihnen gegenübersitzt, ihn analysieren und das Ergebnis mit Mut an die Kandidaten weitergeben können. "Das ist gelebte Psychologie", so Kern.

Die notwendigen besonderen menschlichen Qualitäten eines Outplacement-Beraters hebt auch Eberhard von Rundstedt, Gründer der gleichnamigen Personalberatung, hervor. "Er muss unbedingt zuhören und die Klienten reden lassen können, damit sie ihren Kummer formulieren können", betont er. In den Gesprächen kann nämlich einiges passieren. "Manche berichten, gezeichnet vom Trennungsschock, teilweise Tränen in den Augen, andere mit vor Wut verkniffenem Mund, über die Art und Weise, wie sie während des Kündigungsgesprächs und des Trennungsverfahrens behandelt wurden", berichtet Andrzejewski.

"Berater muss die Ruhe weg haben"


Hier sind Verständnis und Respekt, Geduld und Ausdauer absolut notwendig. Die Berater dürfen aber die Gefühle des Klienten nicht zu nah an sich herankommen lassen. "Der Berater muss vor allem die Ruhe weg haben", so von Rundstedt.

Das sieht Ernst Brexel, Leiter der nationalen Managementvermittlung der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Bonn genauso: "Da braucht man ein gewisses Stehvermögen." Dafür ist in der Regel auch ein gewisses Alter erforderlich: "Die Kandidaten müssen mindestens 35 Jahre alt sein und sich zudem in betrieblichen Hierarchien der Profit-Organisationen auskennen", so Mühlenhoff.

Auf Umwegen zum Beruf


Die meisten Outplacement-Berater kommen nach wie vor über Umwege zu ihrem Beruf, manchmal sogar auch nach Verlust ihres Arbeitsplatzes, wenn sie mit den entsprechenden Beratungen in Kontakt hatten. Sind sie im Geschäft, verdienen sie im Durchschnitt gut. "Im Idealfall kann ein Berater mit einem Honorar von ca. 10 000 Euro pro Fall bei einer Individualberatung rechnen", schätzt Andrzejewski.

Auch wenn die klassische Ausbildung zum Outplacement-Berater nach wie vor noch nicht existiert, so gibt es doch eine Ausnahme. Als einzige in Deutschland bietet die Boenig Beratung in Überlingen am Bodensee eine Fortbildung zum Outplacement-Berater an. Hier können Coaching-Kompetenz, psychologisches Wissen und Mediationsfähigkeiten geübt werden - oder einfach nur Einblicke in das Procedere der Betreuung eines Trennungsverfahrens gewonnen werden.

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