Berechnungen aus dem Kieler Institut für Weltwirtschaft
Zinssenkung hat kaum Einfluss auf den Euro

Die Ökonomen sind ein wenig ratlos: Eine Zinssenkung durch die EZB stärkt das Wachstum und damit den Euro, heißt es am Devisenmarkt. Das widerspricht der Theorie, meinen manche Volkswirte. Offensichtlich aber sind die Märkte nicht mehr bereit, ihnen Glauben zu schenken.

FRANKFURT/M. So sicher die Finanzmärkte sind, dass die Europäische Zentralbank (EZB) am Mittwoch die Zinsen senkt - eine Unsicherheit bleibt: Wird eine Zinssenkung dem Euro gegenüber dem Dollar zu neuem Aufschwung verhelfen? Carsten-Patrick Meier vom Kieler Institut für Weltwirtschaft ist überzeugt: Egal, was die EZB auch tut, der Euro werde über die nächsten Quartale aufwerten. Ungefähr zur Jahreswende sollte er zum Dollar die Parität erreicht haben.

Eine Zinssenkung um 25 oder um 50 Basispunkte werde den Trend nur marginal schwächen, meint Meier. Dabei nimmt er an, dass die Fed im zweiten Quartal den US-Leitzins noch einmal um 50 Basispunkte senkt.

Die Sicherheit, mit der der Ökonom seine These vorträgt, ruht auf dem Erfolg seines Prognosemodells: Überwiegend mit den Zinsdifferenzen der Drei-Monats-Zinsen zwischen dem Euro-Raum und den USA kann das Modell den Euro-Kurs zum Dollar auf Quartalsbasis gut erklären. Auch die DGBank kommt mit einem eigenen Wechselkursmodell zum Schluss, dass überwiegend Zinsunterschiede den Euro-Kurs mittelfristig erklären.

An den Märkten sieht das Spiel anders aus

An den Märkten wird das jedoch ganz anders gespielt: Nicht Zinsdifferenzen, sondern allein Wachstumsunterschiede werden schon seit Beginn der Währungsunion zur Erklärung des Euro-Dollar-Kurses bemüht. Michael Holstein, Volkswirt bei der DG Bank, meint zur Euro-Schwäche: "Zunächst blickte jeder auf das starke US-Wachstum; nun wird argumentiert, dass die Fed mit Zinssenkungen das Wachstum ankurbele, während die EZB zögere." Damit müsste eine EZB-Zinssenkung den Euro stärken. "Eigentlich sollte der Zusammenhang aber umgekehrt sein", betont Holstein. Eine Zinssenkung durch die EZB müsste den Euro-Kurs drücken, nicht heben.

Doch scheinbar wollen die Märkte nicht mehr auf die Ökonomen hören. Irene Mauer, Devisenhändlerin bei der BfG-Bank, meint: "Bis jetzt hat sich bewahrheitet, dass Zinssenkungen die betroffene Währung steigen ließen." Die Devisenhändlerin verweist jedoch darauf, dass dieser Zusammenhang nur kurzfristig gelte. "Die Zugewinne gehen nach einigen Tagen verloren."

Holstein erwartet, dass aktuell nur eine Zinssenkung der EZB um 50 Basispunkte den Euro stärken könnte. "25 Basispunkte Minus sind schon eingepreist", sagt auch Jens Dallmeyer von Deutsche Bank Research (DBR). Ob ein Minus von 50 Basispunkten dem Euro helfen kann, will Dallmeyer aber nicht beschwören.

Ökonomen sind verwundert

Mit Verwunderung notiert der DBR-Ökonom, dass weder die drohende Rezession in den USA noch das deutliche Dahinschrumpfen des Zinsvorsprungs der USA den Euro nachhaltig stärken konnte. "An Argumenten ist alles da, was wir immer für eine Euro-Erholung angeführt haben", sagt Dallmeyer. Die Erholung aber ist nicht so recht in Sicht: Gestern wurde die Währung bei dünnem Volumen knapp unter 90US-Cents gehandelt. Im Gegensatz zum Kieler Meier misst Dallmeyer auch Wachstumsunterschieden Gewicht in der Erklärung der Wechselkurse bei. "Realisiert sich die Erwartung, dass die USA schon im zweiten Halbjahr oder 2002 ihre Schwächephase überwinden, sollte der Euro an Wert verlieren." Kräftige Wachstumsraten verbesserten die Ertragsaussichten der Unternehmen. So werde die Kapitalanlage in den USA attraktiver.

Holstein schließt auch nicht aus, dass sich die Anleger stärker an Wachstumserwartungen als an Zinsdifferenzen orientieren. Die Dollar-Stärke der vergangenen zwei Jahre sei möglicherweise ein Resultat der dortigen Aktienhausse, die Portfoliokapital aus Europa angezogen habe. Zinssenkungen in den USA, welche die Aktienkurse treiben, würden so auch den Dollar stärken. Der DG- Bank-Ökonom sagt: "Das wäre ein plausibler Grund, warum die abnehmende Zinsdifferenz den Euro nicht so recht stärken konnte." Ganz sicher ist er sich aber nicht.

Dallmeyer spricht von der Erklärungsnot der Volkswirte. Wenn Portfolioabflüsse für die Euro-Schwäche verantwortlich seien, hätte nach dem starken Einbruch der US-Börsen der Dollar kräftig abwerten müssen. Hat er aber nicht. "Es ist wie ein Stochern im Nebel", sagt der Ökonom: "Der tatsächliche Wechselkurs kann vom theoretischen Gleichgewichtskurs offensichtlich lange abweichen." Das ist die Macht des Marktes.

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