Bereits am Wahlabend wird der Ruf nach personellen Konsequenzen laut
Linke eröffnet die Hatz auf die Regierung

Genau eine Stunde hielt die Zurückhaltung in der geschockten SPD am Sonntagabend. Doch dann brach es aus der Parteilinken Andrea Nahles um 19 Uhr im Willy- Brandt-Haus geradezu heraus: "Natürlich wird ein Personalwechsel im Kabinett ein Thema der nächsten Woche werden." Und auch wenn sie den Kanzler davon ausdrücklich ausnahm, wusste sie ganz genau, welch heikle Debatte sie damit in der SPD gerade eröffnet hatte. Zumindest die Partei-Linke schien am Sonntagabend zu wissen, wie sie das Wahlergebnis nutzen will: "Jetzt muss der Politikwechsel her", stimmte auch Juso-Chef Niels Annen zu.

BERLIN. Dass die Sozialdemokraten ansonsten lähmende Ratlosigkeit befiel, war schon eine Stunde früher zu spüren gewesen. Als um 18 Uhr die ersten Prognosen über die Bildschirme auf der SPD-Wahlparty in der Parteizentrale flimmerten, herrschte eisiges Schweigen. Kaum ein Politiker hatte sich unter die Journalisten gemischt. Und wer sich doch traute wie etwa Verteidigungsstaatssekretär Walter Kolbow oder die Berliner SPD-Kandidatin Nicole Rosin, war entweder sofort umringt - oder hatte Mühe, eine halbwegs muntere Miene zu wahren. Dass Rosin auf ihrem T-Shirt auch noch den Aufdruck "Some girls are born winners" trug, wirkte angesichts der Verluste mehr trotzig als souverän.

Erst als später SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter und schließlich um 19.15 Uhr Parteichef Franz Müntefering vor die Kameras traten, deutete sich an, dass man in der Parteispitze langsam vom Schockzustand zur Schadensbegrenzung überging. "Bitter" sei die Niederlage, das gestanden beide ein. Doch vor allem Müntefering mühte sich, nicht zu viel Verzweiflung durchschimmern zu lassen. Schließlich wusste er genau, wie aufmerksam gerade er beäugt wurde. Der Wechsel an der SPD-Spitze hatte der Partei doch einen Ruck geben sollen. Und nun musste er und nicht mehr Gerhard Schröder dem Volk und den Anhängern die nächste desaströse Wahlniederlage erklären. Davon erlöst zu sein dürfte an diesem Abend der einzige Trost für den Kanzler gewesen sein.

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