Bereits über vier Millionen Nutzer
Internet-Telefonie bedrängt Japans Festnetzanbieter

Telefonieren über das Internet wird in Japan zum Massenmarkt und bringt die Festnetzanbieter in Bedrängnis. NTT plant sogar, sein Stammgeschäft Festnetz durch Internet-Telefonie per Glasfaser zu kannibalisieren. Experten sehen ein Testfeld für die Märkte in Europa und den USA.

HB TOKIO. Nachdem das Handy ihnen bereits Kunden abspenstig gemacht hat, sehen sich Japans Festnetzbetreiber derzeit mit einer noch größeren Bedrohung ihres Kerngeschäfts konfrontiert. Billiges Telefonieren über das Internet wird im Land des Lächelns zum Massenmarkt und zwingt die Festnetzanbieter zur Flucht nach vorne. Marktführer Nippon Telegraph and Telephone Corp. (NTT) etwa rechnen damit, dass im Geschäftsjahr 2005 ein Fünftel aller Einnahmen - satte 2,1 Bill. Yen oder 16,5 Mrd. Euro - aus der Internet-Telefonie stammen.

VoIP (Voice over Internet Protocol) oder IP-Telefonie nennen Fachleute die Übertragung von Sprachkommunikation mit Internettechnologie. Angestoßen haben den Markt in Japan vor zwei Jahren vor allem die Internet-Anbieter Fusion Communications und Yahoo Japan über seine Breitbandtochter Yahoo BB. Allein die beiden Marktführer kommen zusammen auf rund 4 Mill. Kunden. Der Erfolg lockt Nachahmer: Vor wenigen Wochen starteten alt eingesessene Telefonanbieter wie NTT oder dessen Konkurrenten KDDI und Japan Telecom eigene IP-Telefon-Dienste. Auch Elektronikkonzerne wie Sony, NEC und Matsushita oder Internetanbieter wie Nifty drängen auf den Markt.

"Japan ist ein nützliches Testfeld, um zu sehen, welchen Einfluss VoIP auf den breiteren Telefonmarkt hat", meint Telekom-Analyst Mark Shuper von Morgan Stanley. Ein rasch wachsender Kundenstamm von mehr als 7 Mill. DSL-Haushalten - die Kosten für einen Anschluss zählen in Japan zu den günstigsten der Welt - gilt als gute Voraussetzung. Erst über Breitbandverbindungen wird die Sprachqualität akzeptabel.

Ein wichtiger Unterschied zu Deutschland sind in Japan die hohen Kosten für Inlands-Ferngespräche. Ein Dreiminutengespräch per Internet-Telefon ins Festnetz kostet je nach Anbieter zwischen 7,5 und 8 Yen (6 bis 6,3 Cent) - und damit bis zu 90 % weniger als ein Festnetz- Ferngespräch. Wenn der Gesprächspartner ein Internet-Telefon des gleichen Anbieters hat, ist der IP-Anruf sogar umsonst.

Beim Telefonieren per Breitband erhalten die Telefonanbieter weiter die Monatsgrundgebühr für den Anschluss. Zudem zahlen die Internet-Telefonanbieter pro Anruf, um die so genannte "letzte Meile" des Netzes zu nutzen, also einen Internetanruf auf ein normales Telefon durchzustellen. Die NTT-Regionalgesellschaften haben die Erlaubnis eingeholt, diese Gebühr als Verteidigungsmaßnahme um rund 5 % anzuheben. Außerdem würden sie wohl bald ihre Festnetztarife senken, um die Verlagerung zu bremsen, meint Kirk Broody, Telekom-Experte bei der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein. Diese Schritte könnten dem IP-Telefonmarkt einen kleinen Dämpfer versetzen, seine Ausbreitung aber nicht verhindern.

Großen Stromunternehmen wollen die letzte Meile umgehen, indem sie IP-Telefon-Dienste über schnellere, aber teurere Glasfasern planen. Selbst NTT hat angekündigt, mit Telefondiensten über Glasfaser das bisherige Festnetzgeschäft zu kannibalisieren.

Noch jedoch wächst der Markt über DSL-Leitungen. Um Yahoo BB mit bereits mehr als 1,3 Mill. IP-Telefon-Nutzern einzuholen, haben sich die neuen Firmen in einer Allianz zusammengetan, deren Kunden Gesprächspartner im Netzwerk der Partner umsonst anrufen können. Über kurz über lang würden alle IP-Telefone untereinander kostenlos verbunden, meint Broody. Noch sind jedoch noch nicht einmal die IP-Netzwerke der großen Telefongesellschaften technisch verknüpft. Zudem kann ein IP-Telefonist zwar bisher ins Festnetz anrufen, aber nicht vom Festnetz aus angewählt werden. Bis Juli jedoch sollen alle IP-Telefone eine eigene elfstellige Telefonnummer mit der Vorwahl 050 erhalten und von überall erreichbar sein. Dann soll es einen weiteren Schub geben, auch bei Firmenkunden. In der neuen Firmenzentrale von Japans viertgrößtem Autobauer Mitsubishi Motors gibt es Internet-Telefone bereits serienmäßig zusätzlich zum Festnetzanschluss. Tokyo Gas geht noch weiter und hat angekündigt, fast all seine 20 000 Festnetzanschlüsse in Japan in einem Jahr durch IP-Telefone ersetzen zu wollen.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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