Bereits vor der Zerschlagung meldet sich der erste Kaufinteressent
AT&T: Aufgespalten zum Ausverkauf

Wohl niemand kann sich vorstellen, dass es die Firma Coca Cola irgendwann einmal nicht mehr geben wird. Eine ähnlich starke Marke in den USA war bisher AT&T, die älteste Telefongesellschaft der Welt. Doch für AT&T rückt das einst Undenkbare immer mehr in den Bereich des Möglichen, ja sogar des Wahrscheinlichen: Das Unternehmen könnte in den nächsten Jahren vom Markt verschwinden. Der Auftritt des US-Kabelnetzbetreibers und Fernsehveranstalters Comcast als Kaufinteressent für die Kabelsparte markiert hier nur den Anfang.

Jahrzehntelang war AT&T so groß, dass sich jeder Konkurrent daran verschluckt hätte. Damit das immer so bleibe, wagte AT&T-Chef Michael Armstrong vor zwei Jahren den Einstieg ins Ortsnetz, obwohl das Unternehmen bis dahin auf Ferngespräche im Festnetz beschränkt war. Für 100 Mrd. US-Dollar kaufte er Fernsehkabelgesellschaften - und übernahm sich damit völlig. Der Ausbau der Kabelnetze zu schnellen Internet-Datenautobahnen mit Telefonanschlüssen erwies sich als kompliziert und teuer. Die Faszination für das zum "Breitband" hochgejubelte Kabel mochten die Kunden wegen hoher Preise nicht teilen; und dann begann vor einem Jahr der Dauercrash an den Börsen. Armstrong zog die Notbremse, AT&T soll nicht zusammenbrechen, er will es entflechten.

Seit Oktober wird das Unternehmen in vier Gesellschaften zerlegt, die alle separat an die Börse kommen sollen: Mobilfunk, Breitband und Privatkunden werden abgespalten, AT&T selbst will nur noch Unternehmenskunden bedienen. Noch bevor dieser Prozess abgeschlossen ist, legt Comcast sein Fusionsangebot für die Breitband-Sparte auf den Tisch und setzt damit Armstrong unter Druck, frei nach dem Motto: Gib das Kabel an Experten ab. Wahrscheinlich finden diesen Vorschlag viele AT&T-Aktionäre überzeugender als Armstrongs Abspaltungspläne.

Als Fusionskandidat, wenn auch nicht sofort, gilt ebenfalls die seit gestern börsennotierte Mobilfunksparte AT&T Wireless. Allein stehen die Chancen der AT&T-Mobilfunker schlecht, die Lizenzen und Frequenzen für noch fehlende 30 % der Mobilfunk-Gebiete in den USA zu bekommen. Logischer Partner wäre die fast doppelt so große Cingular Wireless: Beide Unternehmen nutzen veraltete Technik und haben sich entschlossen, parallel neue Netze nach dem europäischen Weltstandard GSM zu bauen.

Das AT&T-Privatkundengeschäft - im wesentlichen Ferngespräche -, gilt wegen des Preisverfalls zur Zeit als wenig attraktiv. Aus dem gleichen Grund spalten auch andere US-Telekomunternehmen diese Sparten ab. In nicht all zu ferner Zukunft werden sich diese ungeliebten Kinder wohl zusammenschließen müssen. Denn in diesem Marktsegment liegt allein in der Größe die Aussicht auf Gewinn.

Das, was AT&T bleiben soll, eine auf Unternehmenskunden spezialisierte Festnetz-Telekomgesellschaft, ist im Prinzip Erfolg versprechend; Worldcom macht es seit einigen Jahren vor. Doch AT&T hat sich in ihrer Geschäftskunden-Partnerschaft ziemlich unglücklich mit der anderen berühmten Telekomgesellschaft, die zur Zeit aus purer Not zerschlagen wird, verstrickt: mit British Telecom.

Das Joint-Venture Concert, das multinationale Großunternehmen bedient, mag keiner der beiden Partner ganz übernehmen. Und Concert aufzuteilen, schaffen AT&T und BT seit Monaten eben so wenig wie die eigentlich nahe liegende Total-Fusion ihrer Geschäftskundensparten. Schlimmer als es jetzt unter dem AT&T-Dach zugeht, kann es für Aktionäre und Mitarbeiter also kaum noch werden - nicht einmal bei einem Ausverkauf der ehrwürdigen AT&T.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
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