Berichte über plündernde Soldaten
Ramallahs Einwohner zittern

Zwei israelische Panzer stellen sich in Position. Ihre Kanonen sind auf ein vierstöckiges Gebäude im Zentrum Ramallahs gerichtet. "Kommt alle raus!" bellt eine Lautsprecherstimme. "Sofort. Ich zähle bis zehn." Niemand zeigt sich. Der Soldat auf dem Panzer schießt etwa zwei Minuten lang mit seinem Maschinengewehr. Alle Scheiben am Haus gehen zu Bruch, dann wird das Gebäude mit mehr als 15 Panzergranaten beschossen. Die Panzer rattern weiter. An Festnahmen scheinen die Soldaten nicht interessiert.

dpa RAMALLAH. Hanan Schehadeh (29) wohnt im Nachbargebäude und hat sich in die hinteren Räume ihrer Wohnung verkrochen. Sie sitzt auf dem Küchenboden, den Kopf auf den Knien. Die vergangenen drei Tage, sogar die Hausdurchsuchung am Ostersonntag, hat sie ziemlich gefasst überstanden. Jetzt aber ist die Palästinenserin mit ihren Nerven am Ende. "Wie sollen wir hier noch leben?" Sie fängt still an zu weinen. Bei jeder neuen Maschinengewehr-Salve zuckt sie zusammen.

Die Aufforderung der israelischen Regierung an Journalisten und Ausländer, Ramallah sofort zu verlassen, beunruhigt die Bewohner besonders. "Sie wollen noch viel mehr Leute umbringen und alles unter Ausschluss der Öffentlichkeit zerstören", befürchtet Schehadeh. Die Bewohner berichten von israelischen Schützenpanzerbesatzungen, die vor Läden, Goldschmieden, Banken und Computergeschäften gehalten und diese geplündert hätten. Die am Sonntag durchsuchten 40 palästinensischen Studenten in Schehadehs Nachbarhaus berichten, Soldaten hätten ihnen den Inhalt der Geldbeutel genommen. "Etwa 300 Schekel hatte ich", sagte Mohammed Hanadi (26). Das sind etwa 80 ?, ein Drittel des durchschnittlichen Monatsgehalts.

Helfer wagen sich zeitweise nicht mehr auf die Straße. Ebenso die Feuerwehr, die die vielen Brände in der Stadt nicht löschen darf. "Die Ausfahrt ist von Panzern blockiert", sagt ein Beamter am Telefon. "Unsere Leute werden beschossen." Sobald die Panzer vorbeigerollt sind, verständigen sich die Nachbarn untereinander mit Rufen von Haus zu Haus. Sie versorgen Bedürftige mit Lebensmitteln, auch Kinderspielzeug wechselt den Besitzer.

"Es macht mich verrückt, wenn die Leute draußen herumlaufen", sagt Schehadeh. Sie schildert, wie am Ostersonntag zwei Meter vor ihrem Schlafzimmerfenster ein Bewohner des Nachbarhauses angeschossen wurde. Erst nach einer Stunde hätten Sanitäter zu ihm vordringen können. "Wir sind seit 48 Stunden im Einsatz", sagt ein Helfer. "Wir können nicht mehr." Die Frontscheibe ihres Krankenwagens ist zerschossen, die Karosserie von Panzerketten zerschrammt.

Im größten Teil der Stadt sind die Bewohner ohne Wasser und Strom. Rundfunknachrichten über die Ereignisse in anderen Stadtteilen können sie nicht verfolgen. Immer wieder werden Tote und Verletzte in Wohnungen gefunden. Dazu kommen ständige Explosionen der Panzergranaten und die Maschinengewehrsalven, obwohl der palästinensische Widerstand längst gebrochen scheint. Als am Sonntag für kurze Zeit Strom zur Verfügung stand, sah Schehadeh Fernsehbilder von Solidaritäts-Demonstrationen in anderen Ländern. "Es tut so gut zu wissen, dass andere Menschen in diesen Zeiten an uns denken", sagt sie.

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