Berlin
Akten und Schokolade bei Gysi

Den skeptischen Jung-Managern schlägt geballter Gysi-Charme entgegen. Im Kölner Schokoladenmuseum diskutieren 40 junge Geschäftsführer und Vorstandsmitglieder mit Gregor Gysi und Ex-Thyssen-Chef Dieter Vogel. Auf der Veranstaltung der Unternehmensberatung McKinsey geht es um die Frage: "Was kennzeichnet einen attraktiven Investitionsstandort?" Talk-Profi Gysi ist in seinem Element: Flink umschifft er die Frage, wie er zu der Forderung seiner Partei nach mehr Mitbestimmung bei Investitionsentscheidungen stehe und setzt sich als Vorkämpfer für Bürokratieabbau in Szene.
  • 0

BERLIN. Und wird dann doch seine marktwirtschaftliche Überzeugung in Frage gestellt, kontert er mit dem Hinweis auf die Inkonsequenz der Unternehmer, die selbst nach dem Staat rufen, sobald es ihnen schlecht geht. Nach zwei Stunden Debatte auf hohem Niveau und freundlichem Applaus steigt Gysi zufrieden in seinen gepanzerten Mercedes. So hatten sich viele der Jungmanager Gysi vorgestellt - über den Bundestagspräsident Wolfgang Thierse bemerkte: "Der schafft es, mit einem faulen Apfel ein Obstgeschäft zu eröffnen." Ein begnadeter Selbstdarsteller, ein gefürchteter Redner, der die PDS auf eine One-Man-Show reduziert. Termine wie den in Köln liebt er.

Seine neues Amt als Berliner Senator für Wirtschaft, Arbeit und Frauen ist dagegen eher Graubrot: "Verwaltung ist nicht so schlimm, wie ich dachte", erklärt Gysi, "aber an manchen Tagen kommt mir der Job einfach nur absurd vor". Etwa wenn Morgenmuffel Gysi um 7.30 Uhr antreten soll, um Gewerbesteuerhebesätze mit seinen Abteilungsleitern zu besprechen. Oder wenn sich morgens 80 Zentimeter Vorlagen auf seinem Schreibtisch stapeln, obwohl er das Büro erst um Mitternacht verlassen hat. "Das hat Methode", unterstellt er ironisch seinen Mitarbeitern, "die wollen einen durch Aktenvermehrung tot machen, damit man kaum noch Zeit für Politik hat." Wenn das die Strategie ist, dann funktioniert sie: Seit der Postkommunist dem rot-roten Senat angehört, hört man kaum etwas von ihm.

Nur jetzt richten sich wieder alle Augen auf ihn: US-Präsident Bush besucht die Hauptstadt und die PDS demonstriert mit 15000 Anhängern gegen die "Militarisierung der Außenpolitik durch die USA". Gysi steckt in der Klemme: Einerseits kann er seine Partei nicht verraten, andererseits ist er auch stellvertretender Bürgermeister der gastgebenden Stadt. "Ein Ritt auf der Rasierklinge", urteilt ein Mitarbeiter, "wenn er nicht zur Demo kommt, muss er das auf dem Parteitag in Halle wieder ausbügeln." Muss er wohl, denn der Ex-PDS-Chef richtete es so ein, dass andere Termine seine Teilnahme an der Demo verhinderten.

Gysik kokettiert mit seiner Parteizugehörigkeite

Gysi, der sich als Fraktionschef der PDS im Bundestag souverän auf dem glattem bundespolitischen Parkett bewegte, ist in der Wirklichkeit angekommen. "Der charmante Plauderer lernt gerade die Mühen der Ebene kennen", höhnt FDP-Parteichef Guido Westerwelle über den Gegner aus manchen Rednerschlachten. Nun muss sich der 54-Jährige stundenlang in wirtschaftspolitische Details einlesen, wo er doch lieber über Zuwanderung sprechen oder deutsche Kriegseinsätze verurteilen würde. Stattdessen sitzt er als Chef von 725 Mitarbeitern in einem holzgetäfelten Büro mit Kamin und Balkon in einem Gebäude, in dem früher die Deutsche Erdöl AG (DEA) residierte. In welchen Aufsichtsräten er nun als Wirtschaftssenator sitzt, entnahm Gysi eher zufällig den Briefköpfen einiger Unternehmen - sein Name stand mit drauf. Mit seiner Parteizugehörigkeit kokettiert gern. Beim Blick auf das Foto seiner Tochter auf dem Schreibtisch, frotzelt er, dass Anna sechs Jahre alt wurde, "am 1. Mai, wie sich das für einen guten Sozialisten gehört."

Wie er in der Behörde empfangen wurde? "Na ja, ich glaube, die haben hier und bei den Unternehmerverbänden mit schlimmerem gerechnet", sagt er und setzt sein Lächeln auf, "inzwischen dürfte eine gewisse Erleichterung eingetreten sein, weil es nur der Gysi ist und nicht ein PDS-Professor, der hier seine Theorien auslebt." Der Meister des Umgarnens hält sich über den Aktenstapeln mit viel Schokolade munter. Bei aller demonstrierten guten Laune weiß Gysi, dass er auf einem Schleudersessel sitzt. Denn als Wirtschaftssenator hat er vor allem eine Aufgabe: Investoren in die Stadt holen und Arbeitsplätze schaffen. Ein Höllenjob in einer Stadt mit rund 40 Milliarden Euro Schulden und 17 Prozent Arbeitslosenquote (bundesweit:9,3 Prozent), aus der die Unternehmen abwandern. Gleich zum Einstieg hagelte es Niederlagen. Pirelli strich 150 Stellen, der Mineralwasserhersteller Spreequell wandert mit über 100 Jobs nach Brandenburg ab. Die Herlitz-Pleite machte Schlagzeilen, und Gysi versuchte vergeblich, 4,5 Millionen Euro als Unterstützung aus dem Landesetat locker zu machen. "Wir versuchen jetzt im Insolvenzverfahren", macht sich Gysi Mut, "die gesunden Kerne des Unternehmens und damit den Hauptteil der Arbeitsplätze zu retten."

Weil er die Unternehmer nicht mit großzügigen Förderungen oder Steuererleichterungen locken kann, fängt Gysi klein an. Eine One-Stop-Agency innerhalb der Verwaltung soll Behördengänge zentralisieren. Als nächstes will er Genehmigungsverfahren vereinfachen. Der Bürger beantragt und erhält automatisch das o.k., wenn die Behörde eine Verweigerung nicht binnen vier oder sechs Wochen begründet. "Man muss ja auch nicht alle zwei Jahre zu seinem Standesamt, um zu erklären, dass noch alles in Ordnung ist", erklärt der zum zweiten Mal verheiratete Gysi. Der Senator müht sich um Unternehmen, aber die machen dem PDS-Mann auch Dampf, etwa wenn es um die Berliner Großprojekten wie Flughafen oder Messe-Privatisierung geht. "Ich bin ja auch für einen Großflughafen, nur ich fürchte, diese Stadt kriegt die Business-Class nicht voll", jammert Gysi, der etwas von seiner Partei abgerückt ist, die den Airport ablehnt. "Hier geht es nicht um zähneknirschendes Tolerieren", kritisiert Christian Amsinck, Geschäftsführer der Berliner Unternehmensverbände (UVB), "als Wirtschaftssenator muss er das Projekt stärker vorantreiben."

Gysi zwischen den Fronten.

Nach dem Geschmack seiner Parteigenossen schlägt er ohnehin schon zu liberale Töne an: Etwa wenn er über überflüssige landeseigene Liegenschaftstöchter mit hochbezahlten Geschäftsführern schimpft. Oder es als Scheinprivatisierung bezeichnet, wenn Berlin die Königlich-Preußische Porzellanmanufaktur an die Investitionsbank, eine Tochter der landeseigenen Berliner Bankgesellschaft, verkauft. Die Stadt halte zuviele Industrieflächen unter Kontrolle, während er einem Mittelständler, der seine 50 Jobs verdoppeln wolle, kaum einen Standort anbieten kann. Und wo bleibt der Sozialismus?"Ja, ich weiß, ich erfülle die Erwartungen nicht", kontert er, "bisher ist es mir nicht mal gelungen einen Kiosk zu verstaatlichen." Das sei ja auch nicht nötig. Denn er sei nun "mitten in einer sozialstaatlichen Einrichtung gelandet". Berlin habe, wie er feststellte, über 200 Unternehmensbeteiligungen, zwei Drittel der Wohnungen gehörten der Stadt. Gysi: "Man kann alles übertreiben."

Der frühere Verteidiger von DDR-Regimegegnern ist nicht weichgespült - knochenhart verteidigt er seine Vorstellungen zu Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Gysi bleibt dabei: "Die Überwindung des Kapitalismus bedeutet für mich nicht, dass es keine Kapitalverwertungsinteressen mehr gibt, sondern dass wir zu einer Gesellschaft kommen, in der die sozialen Interessen der Menschen die politischen Entscheidungen dominieren." Wenn Gysi den Linken gibt, wird er so abstrakt, dass er Unternehmer nicht mehr schrecken kann. Seiner Partei ist der ehemalige Facharbeiter für Rinderzucht trotzdem ein verlorener Sohn: "Viele Leute schimpfen", erzählt Thomas Goetzke, Geschäftsführer der PDS im Großbezirk Pankow, "das was ihr da macht, kann nicht PDS-Politik sein."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%